„Es gab keinen Auftrag für das Werk“, schreibt Peter-Jan Wagemans (* 1952) im Begleitheft; er habe die durch die Pandemie verursachte gesellschaftliche Windstille genutzt, um einen alten Traum zu verwirklichen — den Traum von einer Musik, die zwischen Moderne und Jazz angesiedelt ist. Am Konservatorium Rotterdam (Codarts), an dem er viele Jahre unterrichtete, hatte er kleine Ensembles aus Klavier, Schlagzeug und einem Melodieinstrument gehört, gebildet von Studenten, die ein intelligentes, fast Bach-ähnliches Idiom entwickelt hatten, weit entfernt von allen Jazz-Klischees. Dazu kamen Platten, die seit Jahrzehnten in seinem Schrank standen: Cecil Taylors Silent Tongues und Weather Reports Mysterious Traveller, dazu die Videos des Schlagzeugers Dave Weckl. Und der Gedanke, langsam alt zu werden und noch einen großen Zyklus schreiben zu wollen, ein wenig wie die späten Variationswerke von Bach und Beethoven. Cycles entstand zwischen Oktober 2020 und Februar 2022.
Das Werk besteht aus acht Zyklen zu je drei Stücken; Ausnahmen sind Zyklus IV für Schlagzeug solo und Zyklus V für Klavier solo, die jeweils eine kurze Coda für beide Instrumente anhängen. Die Zyklen lassen sich einzeln oder in anderen Zusammenstellungen spielen. Zyklus I beginnt mit einer langen, fließenden, stark diatonischen Linie — für den Komponisten „eine Art moderner gregorianischer Gesang“, mit etwas von Cecil Taylors Linienführung; im zweiten Stück treten zwei solcher Linien gegeneinander, eine kurz und schnell, die andere langsam in wiederholten Tönen, vom Schlagzeug auf den Crotales akzentuiert, und das dritte ist eine weiter ausgesponnene Reprise des ersten.
In den Zyklen II, III, IV, VII und VIII kommt Elektronik hinzu, und zwar denkbar einfach: ein von Wagemans erstelltes Stereo-Soundfile, das während der Aufführung mit dem Live-Klang gemischt wird. Manchmal verdoppelt es die Klavier- und Schlagzeugstimmen, meist tritt es als zusätzlicher Spieler auf. Zu Beginn von Zyklus II erscheint die schnelle Linie des Anfangs verlangsamt und mit sich selbst verdoppelt, um zwanzig Cent nach oben verstimmt, was eine deutliche Schwebung gegen das reale Klavier erzeugt; dazu spielt der Schlagzeuger auf einem „Trash-Xylophon“, das er sich aus Fliesen, Eisenstücken und Holz selbst gebaut hat. Im folgenden Stück steht ein aus Quinten geschichtetes, um fünfzehn Cent erhöhtes Klavierklangfeld leise im Raum, während das Klavier eine von Quinten beherrschte Polyphonie und das Schlagzeug schnelle, quasi improvisierte Linien spielt. „Ich habe versucht, so wenig wie möglich über Jazz zu wissen“, schreibt Wagemans, „so dass das, was ich komponiert habe, eine Erinnerung an gehörten Jazz ist, ein Echo, nicht die Sache selbst.“
Beide Interpreten lernte Wagemans am Konservatorium Rotterdam kennen. Friso van Wijck studierte bei ihm Komposition und ist zugleich Jazz- und Pop-Schlagzeuger; Matthijs van Wijhe war der einzige Pianist des Hauses, der bereit war, die neuen Klavierstücke der Kompositionsstudenten zu spielen — die beiden teilen die Liebe zu Alexander Skrjabins Klaviersonaten, und van Wijhe ist Wagemans’ eigener Klavierlehrer. Aufgenommen wurde am 24. und 25. Oktober 2022 im Jurriaanse Zaal von De Doelen in Rotterdam, am Steinway-D-Flügel und mit dem Trash-Xylophon im Vordergrund. Das Begleitheft von 32 Seiten enthält Wagemans’ Kommentar zu jedem einzelnen Stück; das Umschlagbild ist ein Porträt des Komponisten von Lies van den Berg.
