Die Kunst ist kein Polizeistaat — der Satz von Sandor Veress, den sein Sohn Claudio zitiert, meint zunächst den freien Umgang des Komponisten mit der Zwölftonreihe. Er passt aber ebenso zu den politischen Umständen, die Veress ins Exil zwangen. 1907 geboren, in Budapest aufgewachsen und ausgebildet, ging er jung nach Berlin, London und Rom; Ende der vierziger Jahre fand er als politischer Emigrant in Bern eine neue Heimat.
Das Thema der Verwurzelung beschäftigte ihn ein Leben lang. Mit 23 Jahren betrieb er Feldforschung in den Dörfern der rumänischen Moldau und dokumentierte das ungarische Liedgut schriftlich wie akustisch, mit einem Edison-Phonographen. Ab 1935 arbeitete er als Assistent Bela Bartoks an der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. In seinen Kompositionen spiegelt sich das wieder: Sie balancieren zwischen Volkslied, einer in die Moderne weitergedachten kontrapunktischen Tradition und, ab 1950, der Zwölftontechnik. Die beiden Streichquartette von 1931 und 1937 und das Streichtrio von 1954 zeigen diesen Weg.
Wie wichtig Veress die Erhaltung des ungarischen Volkslieds war, das ausschließlich mündlich von Generation zu Generation weitergegeben wurde, zeigt die Rundfunksendung, die er 1975 im Schweizer Radio DRS diesem Thema widmete. Er berichtet darin von seinen frühen Sammelreisen, besonders jenen in die Moldau, und von den Ergebnissen der ungarischen Musikethnographie. Die Tondokumente, auf die er sich stützt, stammen aus einem großen Schellackplatten-Projekt, das Bartok Ende der dreißiger Jahre angestoßen hatte. Veress kommentiert und analysiert sie und erkundet das mit archaischen Bräuchen verbundene musikalische Volksherz seiner Heimat — von der volksmusikalischen Tradition der Dorfbewohner über die Totenklagelieder bis zu der Feststellung, Kunst und Musik seien in unserer Zeit von allen organischen Zusammenhängen mit dem Ganzen abgesondert.
Claudio Veress erzählt im Gespräch mit Mirjam Wiesemann von seiner Kindheit und Jugend, von der Beziehung zum Vater und dessen bewegtem, von Reisen geprägtem Berufs- und Privatleben. Er beleuchtet die ungarischen Wurzeln der Familie ebenso wie die Einflüsse von Volksmusiktradition und Zwölftonmusik auf dessen Werk — und erzählt von der Liebe des Vaters zu Märklin-Eisenbahnen und zum Briefeschreiben.
Das DoelenKwartet nahm die Kammermusik im März 2012 im Kammermusiksaal des Deutschlandfunks in Köln auf, einer Koproduktion mit dem Sender. Die Rundfunksendung von 1975 steht mit freundlicher Genehmigung des SRF zur Verfügung und wurde 2017 in den Cybele Studios restauriert. Die Edition umfasst drei Hybrid-SACDs mit zusammen 222 Minuten Spielzeit; die Kammermusik erklingt in Stereo und 5.1 Surround, die historische Sendung in Mono.
