Als Pianist, Komponist, Lehrer und Dirigent prägte Ernst von Dohnanyi das ungarische Musikleben seiner Zeit wie kaum ein anderer; Béla Bartok meinte, man könne die ungarische Musik in einem Wort zusammenfassen: „Dohnanyi!“ Im heutigen Bratislava geboren, studierte er an der Liszt-Akademie in Budapest Klavier bei Istvan Thoman und Komposition bei Hans Koessler. Koessler schickte das Manuskript des Klavierquintetts Op. 1 seines zwanzigjährigen Schülers an Johannes Brahms, dessen Ausruf, er selbst hätte es nicht besser schreiben können, Dohnanyi viele Türen öffnete. Nach zehn Jahren als Professor an der Königlichen Musikhochschule in Berlin kehrte er bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs nach Ungarn zurück; von 1919 bis 1944 war er Musikdirektor des Budapester Philharmonischen Orchesters. Diesem Orchester widmete er die Symphonischen Minuten Op. 36 von 1933. Im Orchesterrepertoire vermisste er Miniaturen: Keiner der fünf Sätze, vom Capriccio bis zum Rondo, dauert länger als fünf Minuten, und doch reichen sie von Tiefe und Melancholie bis zu funkelndem Humor.
Das Concerto No. 2 für Klavier und Orchester in h-Moll Op. 42 ist von den Jahren nach 1944 gezeichnet. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Ungarn hatte Dohnanyi sein Orchester auflösen und sein Amt niederlegen müssen; 1944 floh er nach Österreich. Er verlor zwei Söhne – der älteste, Hans von Dohnanyi, wurde wegen seiner Beteiligung am Attentat auf Hitler im April 1945 im Konzentrationslager Sachsenhausen ermordet –, und im Sommer 1945 verbreiteten Radiosender weltweit die haltlose Anschuldigung, er sei ein Kriegsverbrecher; ein Auftrittsverbot folgte. Anfang 1947 begann er das Konzert in Neukirchen am Walde bei Linz und vollendete es in Kitzbühel, nach eigener Aussage ganz am Schreibtisch, ohne Klavier. Auf die Frage, wer den halsbrecherischen Solopart spielen solle, antwortete der fast Siebzigjährige, er schreibe ihn für sich selbst. Sir Thomas Beecham leitete im Dezember 1947 die Uraufführung in England. Trotz des Erfolgs der ersten Aufführungen hat sich das Werk nicht im Standardrepertoire etabliert – nach Ansicht von Sofja Gülbadamova, die den Dohnanyi-Text im Begleitheft schrieb, vor allem wegen des Schadens, den die falschen Anschuldigungen dem Ruf des Komponisten zufügten.
Den Beitrag über Brahms verfasste Mirjam Wiesemann. Nach dem ersten Besuch von Johannes Brahms bei Clara und Robert Schumann in Düsseldorf im September 1853 stellte Robert Schumann ihn in seinem Artikel „Neue Bahnen“ als jungen, aber bereits vollendeten Komponisten vor. Die damit verbundenen Erwartungen setzten Brahms unter Druck; mehrfach verwarf er Pläne zu einer Sinfonie, und für seine erste brauchte er über 14 Jahre. Die Sinfonie Nr. 3 in F-Dur Op. 90 vollendete er im Sommer 1883 in Wiesbaden. Über ihre Entstehung ist wenig bekannt: Der Briefwechsel erwähnt sie nicht, Skizzen wurden nie gefunden, und es bleibt das Gerücht, der Fünfzigjährige sei damals in eine wesentlich jüngere Frau verliebt gewesen. Antonin Dvorak schrieb dem Verleger Fritz Simrock, das Werk überrage die beiden ersten Sinfonien vielleicht nicht an Größe, gewiss aber an Schönheit. Clara Schumann hörte im ersten Satz den Glanz des erwachten Tages, im zweiten eine reine Idylle, und nannte den dritten eine Perle, „aber es ist eine graue, von einer Wehmutsträne umflossen“.
Aufgenommen wurde das Konzert am 25. und 26. Juni 2017 in der Historischen Stadthalle Wuppertal, einem Jugendstilbau und der Heimspielstätte des 1862 als Elberfelder Kapelle gegründeten Sinfonieorchesters Wuppertal. Dmitri Jurowski, jüngster Vertreter einer russischen Musikerdynastie, war von 2011 bis 2016 Generalmusikdirektor der Flämischen Oper Antwerpen/Gent; 2011 wurde er Chefdirigent des Moskauer Sinfonieorchesters Russian Philharmonic, 2015 Musikdirektor der Staatsoper Nowosibirsk. Die in Moskau geborene Pianistin Sofja Gülbadamova studierte in Moskau, Lübeck und Paris; 2017 wurde sie künstlerische Leiterin des Internationalen Brahmsfestes Mürzzuschlag. Weil das Konzert 84 Minuten dauerte, fehlt auf der CD-Schicht die Wiederholung der Exposition im ersten Satz der Brahms-Sinfonie; die SACD-Schicht enthält sie.
