„Artificial clichés“ für vierkanaliges Tonband entstand 1991 am ICEM mit dem Synlab-Analogsynthesizer; es ist Bornhöfts erste Auseinandersetzung mit der elektronischen Komposition, in der Komponist, Interpret und Hörer in einer Person zusammenfallen und die er darin der bildenden Kunst verwandt sieht. Zwei Klangklassen treffen aufeinander: künstliche Nachbildungen von Naturklängen und Klänge, die durch massenhafte Reproduktion im kommerziellen Musikbetrieb zum Klischee abgenutzt sind. Es entsteht eine Art künstlicher Natürlichkeit, mit der das Stück zu der Tendenz Stellung nimmt, einer immer unerträglicheren Realität eine zweite, künstliche entgegenzusetzen. Achim Christian Bornhöft, 1966 in Essen geboren, studierte bei Nicolaus A. Huber und Dirk Reith und arbeitete als DAAD-Stipendiat am CCRMA der Stanford University.
In „Einstimmig …“ (1997) wird der Klang einer Frauenstimme mit dem Ohr „betrachtet“: Die Vibration der Stimmbänder, Sprachlaute und die Melodie eines Schreis werden extrem gedehnt oder zusammengezogen, harmonisch verdichtet oder verdünnt, bis die ursprüngliche Funktion des Gesangs hervortritt, das Beschwören. Anna Ikramova, 1966 in Moskau geboren, studierte dort am Tschaikowsky-Konservatorium und von 1991 bis 1996 in Essen bei Wolfgang Hufschmidt und Dirk Reith. Marcus Antonius Wesselmann baut „In the mix“ (1991) aus Sequenzen, die ihrerseits aus Figuren bestehen, und vermittelt zwischen musikalischen und szenischen Sequenzen, die an reale Vorgänge denken lassen. Die Montage wirkt dabei als formgebendes Verfahren („Form“) und als semantisches („Farbe“): Figuren musikalischen Ursprungs fügen sich zu szenischen Zusammenhängen, Sprache und konkrete Klänge werden durch Rhythmisierung, Schnitt und Transposition musikalisiert.
Thomas Neuhaus verarbeitet in „5 kleine Stücke über die kleinen Laute eines kleinen Menschen.“ (1997) die Laute seines Sohnes Jakob, der, wie er schreibt, gerade 1168 Stunden und 51 Minuten auf der Welt ist. Die Laute liefern Material und Form; sie werden bis zur Unkenntlichkeit verändert und verleugnen ihre Herkunft doch nicht. Neuhaus lehrt am ICEM und ist Mitentwickler des AUDIAC-Projekts zur computergestützten Komposition und Klangsynthese.
Kilian Schwoon geht in „Orpheus und Demokrit – eine Klaviermusik mit Tonband“ (1997) von Demokrits Atomlehre aus: längst widerlegt, lebt sie im Computerdenken fort, das alles in Nullen und Einsen zerlegt. Der Tonbandpart besteht aus „manipulierten Reproduktionen“ von Klavierereignissen, vom normalen Anschlag bis zu Pedalgeräuschen; durch extreme Dehnung werden vor allem am Anfang und am Ende die „Atome“ der Analyse hörbar. So lenkt Schwoon die Aufmerksamkeit vom Anschlag auf das Schwingen des Klavierkörpers, aus dem große Bögen und vielleicht eine Art Gesang hervorgehen. Den Klavierpart spielt Martin von der Heydt, Klangregie und Produktion lagen beim Komponisten.
