Charles Tournemire galt als kompromissloser Verfechter eines Ideals, das in der französischen Orgelmusik seiner Zeit einzigartig war: Musik, die nicht der Verherrlichung Gottes dient, hielt er für nutzlos. Sein Schüler Maurice Duruflé beschrieb ihn als einen Menschen, der übergangslos von Sanftmut in Raserei geraten konnte. So beginnt Frater Jakob Schwinde O.Cist. seinen Aufsatz im Begleitheft. Tournemire war häufiger Gast der Benediktinerabtei Solesmes, von der die Wiederbelebung des gregorianischen Chorals ausging; an L’Orgue Mystique arbeitete er von 1927 bis 1932 oft in seiner kleinen Steinwindmühle auf der Insel Ouessant. Die 51 Offices des Zyklus sind Orgelmessen aus je fünf Sätzen, vom Prélude à l’Introït bis zur Pièce terminale, über die Gesänge eines Sonn- oder Festtags.
Office No. 49 (XXIe Dimanche après la Pentecôte), datiert auf den 13. Januar 1932, erzählt nach Schwinde von Hiob. Schon das Prélude à l’Introït, ein Bekenntnis zur Macht Gottes, ist mit Dissonanzen unterlegt, das Offertoire eine dichte Kurzbiographie Hiobs; die Elévation fasst die Bitte des Knechts um Geduld aus dem Tagesevangelium in einen äußerst schlichten Dialog zweier Stimmen. Die ernste Fugue am Schluss bezieht sich auf das Graduale „Herr, zur Zuflucht bist du uns geworden von Geschlecht zu Geschlecht“, für Schwinde eine „Prozession durch die Zeiten“. In Office No. 44 (XVIIe Dimanche après la Pentecôte) vom 18. November 1931 ist es der Prophet Daniel im babylonischen Exil: In der Elévation singt die Voix humaine den Cantus, das Stück endet auf einem offenen Akkord, und der Choral Alleluiatique N°. 2 verbindet Rondo- und Sonatenform zu einem Zukunftsbild für Jerusalem.
Office No. 21 (IVe Dimanche après Pâques) vom 14. Juni 1930 aus dem Cycle de Pâques op. 56 gilt Paulus und seinem Satz, dass der Tod keine Macht mehr über den auferstandenen Christus hat. Die Fresque Alleluiatique beginnt mit einem Bassostinato wie eine herannahende Prozession und wird mit polytonalen Mitteln zu einer Art Spottlied auf den Tod; drei Takte vor Schluss scheint sie in cis-Moll zu enden, bevor sie über den Tritonus nach Dur gewendet wird. Office No. 38 (XIIe Dimanche après la Pentecôte) vom 2. Mai 1931 kreist um Mose, dessen Fürbitte für sein Volk den Text des Offertoriums bildet; Tournemire vertont ihn in zwei unabhängigen Teilen, einer Geste der Auflehnung und Verzweiflung und dem Gebet des Mose. Im Choral N°. 3 verbindet Tournemire das Graduale „Ich will preisen den Herrn allezeit“ mit Erlebnissen auf Ouessant, mit Wellen, kreisenden Möwen und den Flügeln seiner Windmühle, deren wechselnde Drehung die vorgeschriebenen Tempowechsel nachzeichnen.
Sandro R. Müller nahm den vierten Band vom 20. bis 23. Juli 1995 an der großen Rieger-Orgel von 1969/70 in der Zisterzienserabtei Marienstatt auf; registriert hat Frater Jakob Schwinde. Das Begleitheft druckt auch den Notentext der Elévation aus Office No. 38 mit Tournemires Registrierangaben ab.
