Dirk Reith führt im Vorwort den Zuwachs an Komplexität auf den Ausbau des Studios Ende der siebziger Jahre zurück, mit dem es sich in die Reihe der weltweit führenden einreihen konnte, und auf den in der Bundesrepublik einmaligen Studiengang Elektronische Komposition. Werke aus den Klassen von Wolfgang Hufschmidt, Nicolaus A. Huber und Reith wurden bei internationalen Wettbewerben ausgezeichnet. In einem vom Bundesforschungsministerium geförderten Projekt entstand zusammen mit der jungen Computerfirma micro control, mit Helmut Zander, Gerhard Kimmel, Markus Lepper und Thomas Neuhaus, eine Maschine zur digitalen Klangerzeugung und -verarbeitung.
In Nic Jemmings „Angélique, mais sans dieu“ (1985) für Vierkanal-Tonband wird ein vierstimmiges, schwebendes Glissando, als Ostinato in der Form einer vorwärtskriechenden Raupe, zum Formprinzip: eine „Eclipse“-Phase zwischen zwei „Relax“-Phasen, deren elektronische Farben sich oft den Orchesterfarben nähern. „The Bad Boys Were Prodding the Bear Through the Bars of the Cage“ (1985) von Thomas Neuhaus beschreibt einen einzigen Prozess: Eine Fläche aus weichen Klängen und Glissandi wird zu einem geräuschhaften, repetitiv-rhythmischen Satz, der durch Verdichtung wieder in eine ganz andere Fläche übergeht. Claudius Brüse bezieht „Kapitel 80“ (1987) auf das Jahrzehnt technologischer, gesellschaftlicher und militärischer Umbrüche und auf das 80. Kapitel des Tao-te-king, in dem Laotse einen friedlichen Staat entwirft; die Dialektik zwischen diesem und dem Nachbarland, in dem noch die „Hunde des Krieges“ zu hören sind, reicht bis in die Gegensätze Vokal und Konsonant, digitale und analoge Synthese.
Markus Leppers „FM Suite“ (1987) gehört zu einer Reihe kleiner Studien, die jeweils genau eine Technik durchdeklinieren; ihr Material ist die Schaltung, drei frequenzmodulierte Generatoren, deren Modulationssignale teils durch ein Sample-and-Hold gefiltert werden. Zugleich beschreibt das Stück ein Bewusstsein, das in lichtloser Nacht die Skala eines Radios nach Nachrichten menschlichen Ursprungs absucht. Ludger Brümmer synthetisierte „TroTropf OrT“ (1988) mit dem Synlab am ICEM: Zufallsmuster aus Frequenzmodulation klingen wie herabfallende Wassertropfen, werden gedehnt und bis zu 100 000 Stimmen überlagert; wo sich Grundform und Transposition im Goldenen Schnitt treffen, entsteht der Piano-Forte-Kontrast, den der Titel mit „pf“ bezeichnet.
Dirk Reith realisierte „nested loops I“ (1980), den ersten Teil eines dreiteiligen Zyklus, im EMS-Studio Stockholm mit Gottfried Michael Koenigs Kompositionsprogramm Projekt 1 und im Folkwang-Studio mit dem System SYNLAB; von der ersten zur letzten der sieben „Varianten“ führt der Weg von höchster Sonorität zu totaler Geräuschhaftigkeit. Vladimir Dshambazov, Hornist der Philharmonie Sofia, begann „No contact III“ (1989) als DAAD-Stipendiat am ICEM, als in Berlin die Mauer fiel; die letzte Mischung stellte er mit Reith in der Nacht vor Weihnachten fertig. Neben Frequenzmodulationsklängen verwendet der Abschluss der Trilogie „Nach innen, zum Menschen“ gesampelte Geräusche seines Herzens und Pulses.
