Die Geschichte der elektronischen Musik an der Folkwang-Hochschule begann, so Dirk Reith im Vorwort, mit drei Anlagen für Live-Elektronische Musik, die die Hochschule 1970 bei der Berliner Firma Hofschneider in Auftrag gab. Auf ihnen spielte ein aus der „Gruppe MHz“ unter Günther Becker hervorgegangenes Ensemble, dem ab 1971 nur Folkwang-Mitglieder angehörten, darunter Reith selbst; 1973/74 löste es sich als festes Ensemble auf. In den Jahren des „Aufbruchs“ verlagerte sich die Arbeit von der Live-Elektronik ins stationäre Studio, und neben der rein elektronischen Klangerzeugung rückte das Material der menschlichen Stimme in den Mittelpunkt. Reith gründete das Elektronische Studio 1971 und gibt die Reihe ex machina seit 1996 heraus.
Das Material von Hans-Werner Schneiders „wenn ich auf einem Instrument spiele…“ (1974) sind die kritischen Bemerkungen eines unzufriedenen Konzertbesuchers, der seinen Unmut stimmgewaltig zum Mitschnitt anbot. Mit den Grundtechniken der Bandarbeit, Kopieren, Schneiden, Mischen, Kleben und Schleifenbilden, entsteht eine selbstverneinende Selbstbezüglichkeit, deren zentrales Wort „Nein!“ lautet; in der Schleife nimmt der Satz „das ist keine Musik“ fast tänzerischen Charakter an. John McCaugheys „Manche Lucias und Desdemonas …“ (1974-75) entstand im Folkwang-Studio auf Viertelzollband, überwiegend aus Mitschnitten von Workshops, Seminaren und einer Vorlesung der Sängerin Carla Henius während ihrer Gastprofessur. Zu dem geschnittenen und mit einem VCS3-Synthesizer bearbeiteten Band schrieb McCaughey einen Live-Solopart für Henius; diese Theaterfassung wurde nie szenisch realisiert, ging aber in die Tonbandfassung ein, die er als eine Art Chormusik aus einer Person hört.
Max E. Kellers „Sie“ (1978) für Tonband ist zunächst eine ironische Werbemusik für die Kernenergie, die in den von Hans Suter gesprochenen Slogans nie genannt wird. Sequenzartige Prozesse laufen übereinander und scheinen auf einen Höhepunkt zuzusteuern, führen aber immer wieder ins Leere; übrig bleibt ein einfaches Pochen, aus dem sich eine andere Musik entwickelt. Die Sequenzen des ersten Teils entstanden mit einem damals neuen Sequenzer im Studio der Musik-Akademie Basel, den zweiten Teil improvisierte Keller zu Hause auf Alltagsgegenständen, mit Kontaktmikrofonen und einem EMS-Synthesizer.
Dirk Reiths „Entwurf eines Programms“ (1974) entstand im Sinne einer „erweiterten Serialität“. Mit dem Voltage-Control-System ließen sich innere Strukturen der Musik programmieren; Reith bezieht alle akustischen Materialien und ihre Steuerfunktionen auf Rechteckfunktionen, stellt die Grundprogramme in der Exposition vor und gewinnt Makro- und Mikrostrukturen aus demselben „Zeichenrepertoire“. Wie in der Computerkomposition wird eine musikalische Problemstellung so gefasst, dass sie sich in einen programmierbaren Prozess umwandeln lässt, hier im analogen System.
