In den neunziger Jahren wurde das Studio mit seinen vielen Komponenten zunehmend durch die Simulation in einem einzigen Computersystem ersetzt, was auch die Ausbildung und die neue Diplom-Studienordnung prägte. Mit dem Elektronischen Studio, dem Kammermusiksaal und dem Multifunktionssaal „Neue Aula“, einem für die Wiedergabe elektronischer Musik ausgestatteten Konzertsaal, stand Lehrenden und Studierenden erstmals ein Ort zur Verfügung, an dem sich im Studio Erdachtes direkt erproben ließ. Die Jubiläumsausgabe erschien 2001, als an der Hochschule ein neues Tonstudio, ein AV-Studio und ein Jazz/Pop-Elektronikstudio eröffnet wurden.
Zu Ralf R. Ollertz’ „Pyrocua“ (1994) druckt das Heft einen Text des Brüsseler Kritikers Luc Honorez, der in dieser Musik Sanftheit und Gewalt, Chaos und Entstehung hört. Friedhelm H. Hartmann verbindet in „exSamples mechanique“ (1992) automatische Generierung aus zwei Epochen: Die Stücke sind in seiner algorithmischen Sprache Celsyus verfasst und in MIDI-Steuerdaten übersetzt, ihre Klänge stammen von alten mechanischen Musikautomaten aus einem Prager Instrumentenmuseum. Hannes Galette Seidls „re: bounce“ (2001) ist ein Remix von Iannis Xenakis’ „Rebonds“ für Schlagzeug solo, der nicht nur dessen Material, sondern auch dessen Strukturen übernimmt: Samples und Hüllkurven laufen mit einem Sechzehntel bis zum Sechzehnfachen der Normalgeschwindigkeit, sodass Übergänge vom Subaudiobereich über perkussives Knacksen bis zu kontinuierlichen Tonhöhen entstehen.
Javier Alejandro Garavaglias „OVERTURE (in memoriam T.A.T.)“ (1997) für Vierkanal-Tonband ist seinem verstorbenen Bratschenlehrer Tomas Alejandro Tichauer gewidmet. Alle Materialien beruhen auf dem Ton C, vor allem auf dem ersten Akkord des Vorspiels zu Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“, den der Phase Vocoder entlang dem Obertonspektrum transponiert. Yong Joon Yang geht in „grau & blau“ (1999-2000) von einem „inneren Schreien“ aus, „Ich bin schwach, bitte tu mir nichts“, und baut das Stück aus einer Rhythmusstruktur im Verhältnis 1:1:1,5:0,5, algorithmisch mit Common Music gesteuert und in Csound synthetisiert. Sven-Ingo Kochs „saxl“ (1999) ist eine „Fensterkomposition“, ein Relief in wechselnden, durch Schnitte getrennten Perspektiven aus drei Saxophonsamples: einem anschwellenden d’, einer Klappengeräuschtextur und einer kleinen bewegten Tongruppe.
Roman Pfeifer fasst in „Dem Grau der Nacht enttaucht“ (2000) für Zweikanal-Tonband die Klaviertaste als Menge von Tönen auf: Aus fünf Klaviertönen filterte er Spektren heraus, deren Töne Schnittmengen der Teiltöne dreier anderer Tasten sind, und komponierte so mit Dreitonkomplexen direkt die Klangfarbe. Dirk Reiths „Dialog aus Mécanique Mon Amour“ (1993), ein Auftragswerk für das Rheinische Musikfest 1993 des WDR, ist ein Satz aus einem abendfüllenden multimedialen Werk; zur Live-Performance der Altsaxophonistin Simone Otto und zur Elektronik wird ein Video von Jean-François Guiton projiziert. Das Stück setzt sich mit der mechanischen Maschinenwelt auseinander und ist zugleich eine Liebeserklärung an das Ruhrgebiet.
