Cybele 860101D-V 2000

5.1 Surround Dolby Digital Stereo Elektroakustische Musik Neue Musik Zeitgenössische Musik

Zur Beschreibung

Anna Ikramova: Der schlafende Reiter DVD

Mitwirkende

Jochen KlüendorfSchauspielerMatthias EggelingMartin LucaßBaritonKatariina JärvinenSopranVanessa RadmanSchauspielerinRuth WeberSopranAntje BitterlichSopranStephanie Manuela RodriguezMarc GosemärkerGudula HufschmidtAlexander KramarowGeigeChristian NagelKlavierAnnette PadbergPatricia SchusterBen SüverkrüpKomponistMechiel van den Brink

Komponist:in

Anna Ikramova

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Kurzbeschreibung

Anna Ikramovas Der schlafende Reiter ist eine virtuelle musikalische Bühnenhandlung in sieben Stationen: Das Textbuch von Wolfram Eggeling montiert Fragmente osteuropäischer Autoren — Isaak Babel, Bruno Schulz, Mircea Eliade, Andrej Platonov, Alexander Grin, Arkadij und Boris Strugatzki —, Gesang und Instrumentalklang treten mit dreifacher Videoprojektion, Tanz und Live-Elektronik zusammen. Die DVD dokumentiert die Essener Aufführung in der Regie von Svetlana Fourer.

Details

Trägerformat
DVD-Video

Auflösung
DVD-Video / Dolby Digital

Gesamtspielzeit
75:00

Kanäle
Stereo, Dolby Digital 5.1

Begleitheft
20 Seiten

Regie: Svetlana Fourer

Recording Producer: Ingo Schmidt-Lucas

Angaben

Katalognummer
Cybele 860101D-V
Erscheinungsjahr
2000
Genre
Elektroakustische Musik, Neue Musik
Epoche
Zeitgenössische Musik
Besetzung
Ensemble, Musiktheater
Label
Cybele Records
Barcode
809548006624
Booklet (Seiten)
20

Beschreibung

Die Titelfigur steht als Sinnbild zugleich für den Inhalt und für das dramaturgische Programm: Was Gogol als Metapher für das Reiten durch die Zeiten und für ein Wandern zwischen den Welten der Realität und der Fiktion erdachte, findet hier seine kompositorische Beantwortung. Das Bühnenbild wird von der Bildanimation kontrapunktiert, der Klang des Sprechens, Singens und Spielens von seiner elektronischen und live-elektronischen Transformation. Das ist verwirrend und folgerichtig zugleich — verwirrend, weil die Einheit von Ort und Zeit des klassischen Theaters endgültig aufgehoben wird, und konsequent, weil diese Einheit in der Wahrnehmungswirklichkeit der Mediengesellschaft längst nichts mehr bedeutet.

Eine linear erzählte Handlung gibt es nicht; das Libretto will keine tatsächlichen Begebenheiten referieren. Es beschreibt den Weg des schlafenden Reiters, der — wie die Figur Walter Benjamins gleichzeitig nach hinten und nach vorne blickend — durch den Unrat der vergangenen Geschichte in das Grau einer ungewissen Zukunft führt. Das geschieht in sieben Stationen entlang einer Textcollage aus Fragmenten von Autoren, die eines gemeinsam haben: Ihre Sprache, die Drastik und Skurrilität ihrer Texte sind der literarische Reflex auf eigene biografische Erfahrungen. Das Gemeinsame im Individuellen dieser Denk- und Darstellungsweisen durch Nebeneinanderstellung sichtbar zu machen, war die Intention des Textbuches; Bindeglied sind Schlüsselwörter, die der Haupttext vorgibt und der Nebentext aufgreift.

Jede Station ist mit einer anderen Form der Wanderung durch Raum und Zeit verbunden. Dem Prolog — erschöpftes Wandern, ein mühsamer Weg von hier nach dort — folgen Pogrom nach Isaak Babel, in dem der Wanderer sich in eine undurchschaubare Situation verirrt, der er nur als hilfloser Beobachter beiwohnen kann, und Das Sanatorium zur Todesanzeige nach Bruno Schulz, eine verkehrte Welt, in der die Zeit sich wie ein beliebiger Raum umgestalten lässt. Nach dem Zwischenspiel Die tote Welt führt Vor der einen Spalt breit geöffneten Tür nach Mircea Eliade durch ein Zeitlabyrinth, Frühlingsdämmerung nach Schulz zeigt eine zum Scheitern bestimmte Illusion der Liebe, und Ignorabimus nach Andrej Platonov stellt zwei Experimente mit der Zukunft gegenüber. Es folgen das Glückliche Wandern nach Alexander Grin und Die letzte Flucht mit zwei Versionen vom Weltuntergang nach den Brüdern Strugatzki und nach Schulz.

Im Epilog treten die Traumgestalten live auf und lassen das Erlebte in rückläufiger Reihenfolge Revue passieren, bruchstückhaft und verschwommen wie Erinnerungen, die umso undeutlicher werden, je entfernter sie sind. Der Wanderer kehrt als einziger nicht zurück: Er träumt seine Wege, ohne je die Grenze zur Realität zu überschreiten — wie Gogols schlafender Reiter bleibt er ein Traumbild. Musikalisch lässt sich das Projekt mit einer Kammeroper vergleichen: Jeder Protagonist hat eine auskomponierte Partie innerhalb einer festgelegten Szenenfolge, und die elektronische Nachbearbeitung erweitert das Material und transzendiert es gleichsam. Die Komposition besteht aus zwei Schichten — die vokal-instrumentale gehört dem Traum und der Handlung auf den Leinwänden, die elektronische vor allem der Live-Aktion.

Eine Hauptperson besitzt die Stimme und Intonation eines Opernsängers, der Wanderer ist Beobachter, Augenzeuge und Berichterstatter, eine weitere Hauptrolle ist mit einem Kind besetzt und intendiert den Gesang eines kalten Engels, der stets über dem Geschehen schwebt; drei namenlose Frauenfiguren bewohnen die imaginären Räume, und die „Unerreichbare“ wird der Reihe nach von einer Tänzerin, einer Sängerin und einer Schauspielerin verkörpert. Das Imaginäre entsteht visuell aus einer dreifachen Videoproduktion auf drei zeitlich versetzten, polyphon geordneten Ebenen, während der Raum akustisch in zwei Kreise geteilt wird — ein Meta-Musiktheater, in dem das live Gespielte ins Virtuelle verwandelt und von dort in die lebendige Aufführung zurückgeholt wird. Die visuelle, tänzerische und schauspielerische Umsetzung entstand in Zusammenarbeit mit der Regisseurin Svetlana Fourer, der bildenden Künstlerin Dagmar Schenk-Güllich, der Kamerafrau Konstanze Bemberg, der Videokünstlerin Jana Aksenova und der Choreographin Dagmar Stollberg.

Anna Ikramova wurde 1966 in Moskau geboren und studierte von 1983 bis 1988 Komposition und Klarinette am Tschaikowsky-Konservatorium; seit 1990 lebt sie in Deutschland, wo sie von 1991 bis 1996 an der Folkwang-Hochschule Essen Komposition bei Wolfgang Hufschmidt und elektronische Komposition bei Dirk Reith studierte. Die Besetzung verbindet Sprecher, Sopran und Bariton mit einem Kammerensemble aus Flöte, Blockflöte, Oboe, Violine, Klavier, Cembalo und Schlagzeug; neben Antje Bitterlich und Martin Lucaß wirken unter anderen Jochen Klüendorf, Matthias Eggeling, Katariina Järvinen, Vanesa Radman, Ruth Weber, Gudula Hufschmidt, Alexander Kramarow und Ben Süverkrüp mit. Die DVD-Video spielt 75 Minuten und enthält neben der Stereofassung eine Dolby-Digital-5.1-Tonspur; das Begleitheft umfasst 20 Seiten.