Die Deutsche Gesellschaft für Elektroakustische Musik wurde am 26. April 1991 in Berlin als deutsche Sektion der Confédération Internationale de Musique Electroacoustique gegründet. Für ihre fünfte CD wählte Wilfried Jentzsch acht Werke der Jahre 1991 bis 1999 aus. Hans Mittendorf-Labiche realisierte „Gesang der Winde“ (1993), ein Kontinuum zwischen Ton und Geräusch, in den von Iannis Xenakis gegründeten Ateliers UPIC in Paris. Die grafische Oberfläche des UPIC-Computers ähnelt dem Komponieren mit Bleistift und Papier; aus einer Sopranstimme gewann Mittendorf-Labiche charakteristische harmonische Wellen, die gebündelt Ton- oder Geräuschgemische ergeben und sich bis in die mikrotonale Ebene steuern lassen.
Hartmut Jentzsch reizte der Gedanke, die Weite des Meeres in der Winzigkeit eines Bleistifts zu fassen. In „bleistift music“ (1999) spielte er auf Bleistiften verschiedener Art, auf Kork, einer Leinenausgabe von Beethovens Klaviersonaten, koreanischen Zimbeln und mit den eigenen Fingernägeln, abgenommen von einem Kontaktmikrofon an der Tischplatte; je drei eher geriebene und eher geschlagene Klangfelder halten sich annähernd symmetrisch die Waage. Hiromi Ishii ging in „Dreaming Stones“ (1999) von Steinen aus, die „Sanukite“ genannt werden: Lava, die sie von der japanischen Insel Shikoku mitgebracht hatte. Sie schlug die Steine mit Messer, Löffel und Gabel an, rieb sie gegeneinander und bearbeitete die Klänge mit Kreuzsynthese und Formantfiltern im Studio der Dresdner Musikhochschule.
Georg Katzer, Meisterschüler von Hanns Eisler und Gründer eines Studios für elektroakustische Musik an der Akademie der Künste der DDR, folgt in „Die Landschaft von Vineta“ (1998) der Sage von der Stadt am Grund der Ostsee, die das Meer wegen der Hartherzigkeit ihrer Bewohner verschlang: Bei ruhiger See blickt der Fischer auf Gassen und Plätze hinab, leise klingen die Glocken der Kathedrale, bis eine Welle das Bild verschwimmen lässt. Tilmann Claus nahm Texte Giordano Brunos zum Anlass für „…woraus Begegnung fließt… Giordano Bruno“ (1991-92), sein erstes Werk für Tonband allein. Worte sind nur an wenigen Stellen verständlich, doch der Eindruck des Sprechens bleibt gegenwärtig; Sprachmelodie und -rhythmus der Sprecherin Bettina Römer bestimmen die Komposition, deren Dramaturgie von der Anrufung dorthin führt, wo die Sprache sich verliert. In der Mitte erklingt zweimal, elektronisch verwandelt, der Anfang von Ockeghems Requiem.
Günter Heinz erforschte in „keep on the move“ (1998) mit einem Eventide H 3000 und einem Macintosh die klangliche Struktur eines gesprochenen Texts der Zürcher Schriftstellerin Elisabeth Wandeler-Deck; die Fassung entstand in den elektronischen Studios in Basel und der Akademie der Künste Berlin. Inge Morgenroth stellt ihrem „Requiem für ein Schwein“ (1997), 1998 in Berlin mit der Tänzerin Janine Schneider uraufgeführt, im Begleitheft die Wörterbuchdefinition des Tiers voran und erinnert an die Redensarten, in denen es vorkommt, und an die Verwertungsindustrie, deren Opfer es ist. Frank Schweizer versteht „Beginner’s mind“ (1997), angeregt von der Geburt seiner Tochter Carla, als Meditation über das Finden der Sprache: In vier Abschnitten, Atmen, Schreien, Sprechen und Singen, führt es von den ersten Lauten eines Säuglings zu einem langgezogenen Gesang, der sich im Klangraum auflöst.
