Clarence Barlow, 1945 in die englischsprachige Minderheit Kalkuttas geboren, übersiedelte 1968 nach Köln, studierte dort Komposition und Elektronische Musik und setzte ab 1971 den Computer als kompositorisches Hilfsmittel ein. 1974 beschäftigten ihn in Kalkutta die Gemeinsamkeiten indischer und europäischer Musik: Beide kennen dieselben zwölf Töne, und die populärste nordindische Skala, Bilaval, entspricht dem westlichen Dur. In „Ludus ragalis“ verbindet er die europäische Fuge mit dem indischen Raag: 13 Präludien und Fugen, jedes Paar in einem Dur-Raag, vom Präludium Nr. 1 in Fis-Dur über einen Quartenzirkel bis zur Fuga Nr. 13 in Ges-Dur. Westlich gebildeten Hörern muss der Raag nicht auffallen, indisch gebildeten soll er klar erkennbar sein. Der Zyklus entstand in 72 Tagen, verteilt über 32 Jahre von 1974 bis 2006; es spielt Hermann Kretzschmar, seit 1985 Pianist des Ensemble Modern.
Vier Stücke gibt Barlow selbst auf dem Selbstspielklavier wieder. „…or a cherish’d bard…“, 1999 zum 50. Geburtstag der Pianistin Deborah Richards geschrieben, trägt ein Anagramm ihres vollen Namens als Titel. Das Stück geht allmählich von einer Partitur aus Ganzton-Transpositionen der Töne D, E und B in eine zweite auf A und H über, in der Art eines Hoketus, sodass nie beide zugleich erklingen; die Rhythmen folgen der Binärdarstellung der Hexadezimalzahlen DEB und A. Die 120 Takte stehen für ebenso viele gewünschte Lebensjahre, ein mit jedem Takt breiterer Tonhöhenfilter für die wachsende Weisheit. In „Kuri Suti Bekar“ (1998) für Kristi Becker überträgt ein zwölf Sekunden langes Präludium die Katakana-Silben ihres Namens in Tonhöhe und Zeit; in der grafischen Darstellung der Chaconne, deren zehn Durchläufe übereinandergelegt werden, spiegelt sich eine Fotografie der Pianistin.
„Estudio Siete“ (1995) schrieb Barlow für die Veranstaltung „Hundert Jahre Film“ der Bonner Kunsthalle zu Oskar Fischingers Film „Studie Nr. 6“ von 1930. Mit seinem Computerprogramm Autobusk paraphrasierte er die gleichnamige Studie von Conlon Nancarrow, dessen Musik er mit Fischingers Werk verwandt fand, und setzte die tanzenden Objekte des Films in phonetisch gefärbte Tonwolken um: Waagerecht ausgedehnte Formen klingen wie ein [i], quadratische wie ein [u]. „Pandora“ (1989), der letzte Satz der Orchesterkomposition „Orchideæ Ordinariæ Or The Twelfth Root Of Truth“, führt von einem „simplizistischen“ Anfang über tangoartige Rhythmen zu einem Kern extremer Kontraste von Tonhöhe, Dichte und Lautstärke und bröckelt am Ende ab.
„Çogluotobüsisletmesi“ (1978) ist ein halbstündiges Klavierstück, in dem bis zu vier Klangschichten gleichzeitig laufen, meist in unterschiedlichem Tempo; gezielte Computerprogrammierung fügt sie zu einer quasi nahtlosen Einheit. Die Töne H, D, E und Fis sind in jeder Oktave um einen Viertelton tiefer gestimmt; die ersten Skizzen entstanden 1975 auf einer Busfahrt in Ostanatolien, der das Stück auch seinen Titel verdankt. In der Fassung von 2006 für vier gleich umgestimmte Flügel spielen Benjamin Kobler, Hermann Kretzschmar, Jürgen Kruse und Irmela Roelcke je eine Schicht, James Avery leitet. Aufgenommen wurde im März 2006 im Kammermusiksaal des Deutschlandfunks in Köln, in Co-Produktion mit dem Sender und gefördert von der Kunststiftung NRW.
