Auf die Frage nach ihrem Lieblingsinstrument antwortet Jacqueline Fontyn immer gleich: das Orchester, mit seiner Fülle an Klangfarben und Kombinationen. Ihre musikalische Sprache, schreibt sie im Begleitheft, besteht aus der Überlagerung und Reihung von Tönen, die in mehr oder weniger schnellem Wechsel Harmonien erzeugen. Die vier Werke dieser SACD wählte sie wegen ihrer Vielfalt, vor allem in der Form, und sie hofft, dass der Hörer zwischen dem ältesten und dem jüngsten eine stilistische Entwicklung erkennt. Detaillierte Analysen hält sie für wenig sinnvoll und beruft sich auf Béla Bartok: Die Musik solle für sich selbst sprechen. Fontyn erhielt schon mit fünf Jahren täglich Klavierunterricht bei Ignace Bolotine, studierte Komposition bei Marcel Quinet und Max Deutsch und 1956 Dirigieren bei Hans Swarowsky in Wien; von 1970 bis 1990 lehrte sie Komposition am Königlichen Konservatorium in Brüssel.
QUATRE SITES (1977) entstand im Auftrag des Bürgermeisters von Ottignies-Louvain-la-Neuve zur Hundertjahrfeier des dortigen Rathauses. Auf die ländliche Atmosphäre des ersten Satzes folgt ein lärmendes, explosives Durcheinander, das an das Leben einer Universitätsstadt denken lässt; der dritte Satz stellt laute Ausbrüche gegen obstinate, lakonische Elemente, und der lyrische vierte, immer wieder von Bläserappellen und wiederkehrenden Motiven unterbrochen, wirkt wie ein Erinnerungsbild des ganzen Werks. 1987 erhielt es den Prix Musical International Arthur Honegger der Fondation de France.
ON A LANDSCAPE BY TURNER (1992), ein Auftrag des Antwerpener Orchesters De Filharmonie und dem rumänischen Komponisten Sigismund Toduta gewidmet, beginnt mit Röhrenglocken und einem sehr statischen Teil, der sich aus Verwandlungen langsam zu einem großen Höhepunkt steigert. Nach einer fein gezeichneten Passage, in der Vibraphon, Harfe und Celesta dominieren, streben Fragmente des Anfangs erneut einem Gipfel zu, brechen jäh ab und lassen einem heiteren Schluss Raum; ein letztes Glockenmotiv schließt den Kreis. L’ANNEAU DE JADE (1996), ein Auftrag des Schweizerischen Tonkünstlervereins, entstand unter dem Eindruck einer China-Reise im Jahr 1995. Die heitere, eher meditative Musik ist im Wesentlichen linear geschrieben, in Unisoni und polyphonen Melodien, die Dialogen von Soloinstrumenten und immer dichteren Überlagerungen Raum geben, und kehrt am Ende kurz zum Anfang zurück.
AU FIL DES SIECLES (2001) schrieb Fontyn zum 500-jährigen Bestehen des Orchesters des Staatstheaters Kassel. Seine kontrastreichen Teile erinnern in einem frei erfundenen, pseudohistorischen Zusammenhang an Stationen der Orchestergeschichte. Am Schluss steht die Bearbeitung einer Motette aus der Zeit, als das Orchester noch Landgräfliche Hofkapelle Kassel hieß: „Quid mea musa canet“ von Johannes Heugel, um 1570 von Landgraf Wilhelm IV. und seiner Gattin Sabine für die Feier eines Jahreswechsels bestellt und durch die Forschungen der Musikwissenschaftlerin Susanne Cramer zugänglich. Mit ihrer rhythmischen und harmonischen Vielfalt schlägt sie den Bogen über die Jahrhunderte.
Das Janacek Philharmonic Orchestra Ostrava, 1954 aus dem Rundfunkorchester hervorgegangen, widmet sich seit den neunziger Jahren verstärkt der zeitgenössischen Musik und veranstaltet mit dem Zentrum für neue Musik in Ostrava Sommerfestivals und Workshops. David Porcelijn studierte in Den Haag und Genf und war unter anderem Chefdirigent des Adelaide Symphony Orchestra und des Tasmanian Symphony Orchestra; Fontyn hatte ihn über 15 Jahre zuvor bei einem Konzert in Sydney kennengelernt. Die Aufnahmen entstanden Ende 2006 in Ostrava. Die SACD stand 2009 auf der Topliste der nmz-Schallplattenkritiker in der Kategorie Neue Musik.
