„Ich finde es eher langweilig, eine sogenannte eigene künstlerische Sprache zu entwickeln“, sagt Rolf Riehm. Komponieren heißt für den 1937 in Saarbrücken geborenen Fortner-Schüler, der von 1974 bis 2000 Komposition und Tonsatz an der Frankfurter Musikhochschule lehrte, einen „Bestand an emotionaler Sensibilität“ zu sichern und jedes Sujet neu zur Gegenwart in Beziehung zu setzen. Seine Stoffe – Zeitgeschehen, Mythen, Märchen, Lyrik, Musikgeschichte – trägt er, wie Michael Rebhahn im Begleitheft schreibt, ohne erkennbare Systematik zusammen: „Die Seele fühlt die Dinge nicht der Reihe nach, sondern kreuz und quer.“ Die drei Stücke dieser SACD sind musikalische Wahrnehmungen literarischer Fundsachen, in denen Sprache und Klang autonom bleiben.
aprikosenbäume gibt es, aprikosenbäume gibt es (2004) greift den Anfang von Inger Christensens Gedichtzyklus „alfabet“ von 1981 auf, einer Bestandsaufnahme der Dinge nach den Anfangsbuchstaben ihrer dänischen Namen, deren Gedichte nach der Fibonacci-Reihe wachsen, von einer Zeile beim „a“ bis zu 610 Zeilen beim „n“. Das Stück für Kontrabassklarinette, Violine, Violoncello, Trompete, Posaune und Zuspielung beginnt mit der ersten Strophe, gelesen von Christensen; dann übernimmt die Kontrabassklarinette die Rolle des Rezitators, und die übrigen Instrumente greifen ihren Ton nach und nach auf. In einer Parenthese dringt ein fremdes Bild ein, Bernhard Martins Gemälde „Dans mes rêves je t’adore“ vom Tagtraum einer staubsaugenden Hausfrau, bevor Christensens Stimme zurückkehrt. Gewidmet ist das Werk dem Gedächtnis an Wolfgang Stryi, dessen Selmer-Kontrabassklarinette Theo Nabicht seit 2007 spielt.
Der Titel von Ahi bocca, ahi lingua (1991-1994) für vier Vokalisten stammt aus Claudio Monteverdis Madrigal „Si, ch’io vorrei morire“ von 1603, einem seiner erotischsten Stücke. Textgrundlage ist jedoch ein kurzer Dialog von Rainald Goetz zwischen „Krieger“ und „Hirn“, von dem kein Wort gesungen wird: „Wo der Text in die Emphase der Interpunktion ausweicht, habe ich Musik gesetzt.“ Die Musik füllt die Leerstellen nach den Satzzeichen und bezieht sich auf den vorangegangenen Text, ohne ihn zu doppeln; die „bocca“ steht für den Gesang aus zungenlosen Phonemen, die „lingua“ allein für die Sprache. David James, Rogers Covey-Crump, John Potter und Gordon Jones vom Hilliard Ensemble nahmen das Stück 1994 im Kleinen Sendesaal des WDR in Köln auf.
Schlaf, schlaf John Donne, schlaf tief und quäl dich nicht (1997) für Violine, Bassklarinette, Akkordeon und Keyboard entstand für die Wittener Tage 1997 mit dem Leitthema „Musik – Sprache“. Ausgangspunkt war Jossif Brodskijs „Große Elegie für John Donne“ von 1963, die Riehm auf einen einzigen Satz reduzierte. Als Stimmsample mit der Stimme von Karmen Mikovic grundiert er fast das ganze Stück, ohne den Verlauf semantisch zu bestimmen. Anfangs umspielen die Instrumente die Melismen der Stimme; nach einem Drittel kehrt sich das Verhältnis um, vollends nach einer Einspielung, in der Brodskij zu einem verzerrten Technobeat eines seiner Gedichte auf Russisch rezitiert. Danach bleibt die Stimme über acht Minuten auf dem Vokal „u“. Melise Mellinger, Uwe Möckel, Klaus Steffes-Holländer und Teodoro Anzellotti vom Ensemble recherche spielten das Stück 1998 im Experimentalstudio Freiburg ein.
aprikosenbäume gibt es, aprikosenbäume gibt es nahmen Theo Nabicht und Benjamin Spillner, Markus Schwind, Erik Borgir und Andrew Digby vom Stuttgarter Ensemble ascolta im Dezember 2006 und 2007 im Kleinen Sendesaal des WDR auf, als Co-Produktion mit dem WDR; die beiden älteren Aufnahmen sind Produktionen des Senders. Die SACD stand auf der Bestenliste 1/2009 des Preises der deutschen Schallplattenkritik, die Neue Zeitschrift für Musik empfahl sie, und FonoForum vergab den Stern des Monats.
