»Kunst an ihrer äußersten Spitze kümmert sich nicht um irgendwelche Verpflichtungen oder Einlösungen«, sagt der Frankfurter Komponist Rolf Riehm und meint damit auch die Verbindlichkeiten, die ein vornehmlich auf Identifizierung ausgerichtetes »Eigenes« mit sich bringt. Die wiedererkennbare Handschrift, die Dingfestmachung des Künstlers im »Personalstil« ist Riehm suspekt: »Ich finde es eher langweilig, eine sogenannte eigene künstlerische Sprache zu entwickeln.« Stattdessen bedeute Komponieren für ihn, einen »Bestand an emotionaler Sensibilität« zu sichern – wahrzunehmen, empfänglich zu sein, zu reagieren. Diesen Bestand gilt es immer aufs Neue zu erweitern; Sensibilität verträgt keine Muster, kein Repertoire von Verfügbarkeiten, aus dem der passende Affekt bloß noch herausgegriffen werden muss. Jedes seiner Werke ist somit ein neuer Versuch, sich einzulassen, sich achtsam dem jeweiligen Sujet zu widmen, es in Beziehung zur Gegenwart zu setzen. Die Fülle dieser Sujets ist enorm: politisches Zeitgeschehen, historische Fakten, Mythen, Märchen, Erinnerungen, Lyrik, Epik und Dramatik, Exponate aus der Musikgeschichte – Stoffe verschiedenster Herkunft trägt Riehm ohne erkennbare Systematik zusammen. Deren Vernetzung erfolgt erst im Prozess des Komponierens – die Griffe in den Zettelkasten sind dabei wiederum von keiner objektivierbaren Folgerichtigkeit geleitet.
Das Denken, das Riehms Kompositionen vorausgeht und ihre Entstehung begleitet, ist – im Sinne von Claude Lévi-Strauss – ein »wildes«; ein Denken, das nicht infolge kausaler Ableitungen, als vielmehr durch fortwährende Kombinationen und Assoziationen zu Erklärungen gelangt. Dementsprechend verweigert sich seine Musik den »klassischen« Standards einer Bezogenheit der Materialien, einer Schlüssigkeit der Entwicklung. »Die Seele«, sagt Riehm, »fühlt die Dinge nicht der Reihe nach, sondern kreuz und quer und in vielen Geschwindigkeiten gleichzeitig«. Einer solchen Form der unaufgeräumten Wahrnehmung will er mit seiner Musik entsprechen: Unstimmigkeiten und Widersprüche sind jederzeit zulässig.
Die drei Stücke dieser SACD, sämtlich Aufträge des Westdeutschen Rundfunks für die Wittener Tage für neue Kammermusik, sind musikalische Wahrnehmungen literarischer Fundsachen: Texten von Inger Christensen, Rainald Goetz und Joseph Brodsky. Dass diese Kompositionen keiner poetischen Programmatik folgen und schon gar nicht vertonen, steht außer Frage. Auch hier gilt die Absage an die Konsistenz: Riehm stülpt der Musik nicht die Semantik der Texte über; Sprache und Klang bleiben autonom, jegliche Form der narrativen Verdopplung wird ausgeschlagen. (Michael Rebhahn)

Cybele 860701 2008
5.0 Surround DSD Stereo Neue Musik Wort & Sprache Zeitgenössische Musik 41:03
Rolf Riehm: aprikosenbäume gibt es, aprikosenbäume gibt es
Mitwirkende
Theo NabichtEnsemble ascoltaEnsemble für Neue MusikThe Hilliard-EnsembleEnsemble rechercheEnsemble
Komponist:in
Rolf Riehm
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Kurzbeschreibung
Rolf Riehm: aprikosenbäume gibt es, aprikosenbäume gibt es widmet sich Rolf Riehms aprikosenbäume gibt es, aprikosenbäume gibt es von Riehm, Rolf. Theo Nabicht, Ensemble ascolta, The Hilliard-Ensemble, Ensemble recherche gestaltet die Einspielung mit klarer Kontur, Sinn für klangliche Farbe und einem Blick für die innere Dramaturgie des Programms. Kontrabassklarinette, Streichinstrumente, Blechbläser, Akkordeon, Keyboard, Vokalensemble, Zuspielung prägen das Albumprofil und machen die Beziehungen zwischen Form, Geste und Raum unmittelbar hörbar. Eine sorgfältig produzierte Cybele-Edition, die Repertoire, Kontext und klangliche Präsenz miteinander verbindet.
Details
Track 1: Theo Nabicht (Kontrabaßklarinette) – Ensemble Ascolta: Benjamin Spillner (Violine), Markus Schwind (Trompete), Erik Borgir (Violoncello), Andrew Digby (Posaune) – CD-Zuspielung: Inger Christensen (Stimme)
Track 2: The Hilliard Ensemble: David James (Countertenor), Rogers Covey-Crump (Tenor), John Potter (Tenor), Gordon Jones (Bariton)
Track 3: Ensemble Recherche: Melise Mellinger (Violine), Uwe Möckel (Baßklarinette), Klaus Steffes-Holländer (Keyboard), Teodoro Anzellotti (Akkordeon) – CD-Zuspielung: Karmen Mikovic (Stimme), Jossif Brodskij (Rezitation)
Tonmeister: Wolfgang Ellers
Stereo-Mischung und Surround-Mischung: Ingo Schmidt-Lucas (Track 1), Wolfgang Ellers (Track 2, 3)
Begleitheft-Sprachen: Deutsch und Englisch (32 Seiten Umfang mit Digipak)
Track 1: Eine Co-Produktion mit dem Westdeutschen Rundfunk Köln (2006/2007)
Track 2 und 3: Eine Produktion des Westdeutschen Rundfunks Köln (1995/1998)
Auszeichnungen
Preis der deutschen Schallplattenkritik — Bestenliste 1/2009, Kategorie Zeitgenössische Musik
Neue Zeitschrift für Musik — Empfehlung der Redaktion, 2/2009
FonoForum — Stern des Monats, 5/2009
Angaben
- Katalognummer
- Cybele 860701
- Erscheinungsjahr
- 2008
- Genre
- Neue Musik, Wort & Sprache
- Epoche
- Zeitgenössische Musik
- Besetzung
- Akkordeon, Blechbläser, Keyboard, Kontrabassklarinette, Vokalensemble, Zuspielung
- Label
- Cybele Records
- Barcode
- 809548012526
- Booklet (Seiten)
- 32
Tracklisting
3 Titel · 41:03
- 01 aprikosenbäume gibt es, aprikosenbäume gibt es (2004) Komponist:in: Rolf Riehm (1937-) Interpreten: Theo Nabicht, Ensemble ascolta 5:28
- 02 Ahi bocca, ahi lingua (1991-1994) Komponist:in: Rolf Riehm (1937-) Interpret:in: The Hilliard-Ensemble 16:15
- 03 Schlaf, schlaf John Donne, schlaf tief und quäl dich nicht (1997) Komponist:in: Rolf Riehm (1937-) Interpret:in: Ensemble recherche 19:20