Bernd Alois Zimmermann, 1918 in Bliesheim bei Köln geboren, schrieb sein Requiem für einen jungen Dichter in der Hauptsache zwischen 1967 und 1969. Gesungen und gesprochen wird in acht Sprachen: Neben der lateinischen Totenmesse stehen Fragmente von Ludwig Wittgenstein, James Joyce, Ezra Pound, Albert Camus, Kurt Schwitters, Hans Henny Jahnn und Konrad Bayer, historische Aufnahmen von Reden, etwa von Alexander Dubcek, Neville Chamberlain, Adolf Hitler und Papst Johannes XXIII., und Musikzitate von Richard Wagner bis zu den Beatles. Der „junge Dichter“ steht, so Patrick van Deurzen im Begleitheft, für das Europa der Jahre 1920 bis 1970; Zimmermann selbst verwies auf Sergej Jessenin. Die Uraufführung 1969 durch den WDR in Düsseldorf konnte er wegen seiner Erkrankung nicht miterleben, am 10. August 1970 nahm er sich das Leben.
Die vier Teile gehen ineinander über. Prolog und Requiem I kommen überwiegend vom Tonband, dessen Lautsprecher das Publikum umgeben; ihre Dauer von 39:37 ist festgelegt, die Musiker folgen der Zuspielung. Über tiefen Kontrabässen und elektronischen Klängen überlagern sich Wittgensteins Sprachkritik, Dubceks Rede an das tschechische Volk und Molly Blooms Monolog aus dem „Ulysses“, bis der Chor nach 13 Minuten, gestützt vom Ton d der Bläser, erstmals „Requiem“ ruft. Requiem I stellt Grundsätze wie das Grundgesetz neben Tondokumente, deren Worte die Wirklichkeit verfehlen – der Ausruf „Die Demokratie wird siegen!“ von Georg A. Papandreou ging 1967 einer Militärdiktatur voraus – und mündet in ein Ricercar mit Texten von Bayer, Majakowskij und Jahnn.
Mit Requiem II treten Solisten, Chöre und Orchester in den Vordergrund. Nach der Rappresentazione singt der Sopran in der Elegia, „quasi blues“, zum Jazzquintett; das kurze Orchesterzwischenspiel Tratto führt zum ekstatischen Lamento um Majakowskijs Nachruf auf Sergej Jessenin, den Solisten und Chor singen und Sprecher I spricht, verbunden mit dem Kyrie und am Ende mit einer Zeile aus Schillers „Ode an die Freude“. Im Dona nobis pacem kommen alle Mittel zusammen: Zitate aus Beethovens Neunter und „Hey Jude“, Reden aus dem Zweiten Weltkrieg, eine fortissimo eingespielte Montage politischer Demonstrationen, Bayers Text „Wie jeder weiß“ und ein letzter Schrei aller Beteiligten.
Der Mitschnitt entstand am 23. Juni 2005 bei der Koorbiënnale Haarlem im Concertgebouw Haarlem, das mit diesem Konzert nach mehrjähriger Restaurierung wiedereröffnet wurde. Zugrunde liegt eine neue Fassung von Zimmermanns zwei vierkanaligen Zuspielbändern von 1969: Volker Müller digitalisierte sie 2000 im WDR-Studio, Joao Rafael synchronisierte und restaurierte sie, sodass die Tondokumente wieder verständlich sind. Wie in der Partitur empfohlen, standen die Chöre vorn, seitlich und hinten im Saal, und das Band lief über acht gleichmäßig verteilte Lautsprecher; die SACD ist die erste veröffentlichte Surroundaufnahme des Requiems.
Bernhard Kontarsky leitet Claudia Barainsky (Sopran), David Pittman-Jennings (Bariton), den Tschechischen Philharmonischen Chor Brno, den Slowakischen Philharmonischen Chor, die EuropaChorAkademie, die Holland Symfonia, das Eric Vloeimans Quintet und Jan Hage (Orgel); Joao Rafael führt die Klangregie. Sprecher sind Lutz Lansemann und Michael Rotschopf, der das Requiem schon unter Michael Gielen in Salzburg, Edinburgh und New York aufgeführt hatte. Bei den MIDEM Classical Awards 2010 erhielt die Aufnahme den Recording of the Year Award und den Choral Award; sie stand auf der Bestenliste 1/2009 des Preises der deutschen Schallplattenkritik, und Diapason vergab „5 Diapason“.
