Warum klingt Schubert wie Schubert? Die halb scherzhafte Frage stellte Christian Zacharias in einem Essener Gesprächskonzert, und Thomas Günther nimmt sie im Begleitheft zum Anlass, dem Eigenton dieser Musik nachzugehen. Sie lebe, anders als die Beethovens, aus Melodien: Fast alle langsamen und viele der Moderato-Kopfsätze stehen dem Lied nahe, dazu treten Tanzcharaktere aus Schuberts Wiener Umgebung. Das scheinbar Einfache verwandelt sich jedoch fortwährend — plötzliches Innehalten, unvorhergesehene Harmoniewendungen, die Umdeutung von Dur nach Moll, pochende Bässe und raunende Mittelstimmen, die den Affekt der Stelle kommentieren.
Die Klaviersonate Nr. 4 in a-Moll D 537 entstand 1817, als Schubert knapp zwanzig war. Ihr Kopfsatz wahrt die Dualität der Themen noch traditionell, drängt aber kaum auf einen Höhepunkt zu, sondern kommt in einer eindrucksvollen Pause zum Erliegen; statt das Material zu verdichten, lässt Schubert in der Durchführung eine melodische Episode in As-Dur folgen, einer entrückten Tonart, aus der eine Walzerapotheose zur Reprise führt. Das Rondo des zweiten Satzes in E-Dur hat er am Ende seines Lebens noch einmal aufgegriffen: Seine Melodie liegt dem Schlusssatz der späten Sonate in A-Dur D 959 zugrunde. Der Schlusssatz stellt raketenhafte Tonleitern und ein beschwichtigendes Akkordmotiv gegeneinander wie zwei Gesprächspartner von unterschiedlicher Gemütsart, ehe ein knallender Dur-Schlussakkord alles beendet.
Die Klaviersonate Nr. 18 in G-Dur D 894 von 1826 fand als dritte Sonate Schuberts einen Verleger — der allerdings vor dem ungewöhnlich weiträumigen Kopfsatz kapitulierte und das Werk in vier Einzelstücke umtaufte; vielen Musikfreunden ist es bis heute als „Fantasie“ geläufig. Der mit Molto moderato e cantabile überschriebene erste Satz hat die größte dynamische Spannweite aller Klavierwerke Schuberts, vom ppp bis zum fff, und breitet zunächst einen fast stehenden Klang aus, bevor die Durchführung im Fortissimo über Stationen in g-Moll und in b-Moll zum Höhepunkt in c-Moll führt. Das Andante in D-Dur antwortet liedhaft, wird aber von harten Akkordschlägen und Basstrillern bedroht; Menuetto und Trio zählen zu den populärsten Stücken Schuberts und erschienen schon im 19. Jahrhundert einzeln. Im ausgedehnten Schlussrondo liegt, fast versteckt in der zweiten Zwischenepisode, eine der innigsten Melodien seines Klavierwerks.
Die Ungarische Melodie in h-Moll D 817 von 1824 steht den Moments musicaux nahe. Dieselbe Idee hat Schubert in weit üppigerer Form in das vierhändige Divertissement à la hongroise D 818 aufgenommen; Thomas Günther übernimmt in den Wiederholungen Verzierungen und Figurationen aus dieser Fassung. Gespielt wird auf einem Hammerflügel von Conrad Graf, der unterscheidbare Register, eine singende Mittellage und jenes Moderator-Pedal besitzt, das den Klang nicht nur leiser, sondern fern erscheinen lässt. Thomas Günther, seit 2007 Professor an der Folkwang-Universität der Künste in Essen, arbeitet seit 2003 mit Cybele Records zusammen; seine Beschäftigung mit Schuberts Sonatenwerk begann mit der Begegnung mit einem historischen Hammerflügel.
