Astor Piazzolla machte ab den 1950er Jahren aus der etwas verstaubten Tanzmusik Tango eine Spielart der Moderne: Er zerlegte die Vorbilder, brachte Einflüsse aus Folklore, Barock, Klassik, Klezmer, Chanson, Jazz und Rock ein und schuf daraus den Tango nuevo. Lange kämpfte er gegen das Vorurteil, Tango sei Musik der Unterwelt und gehöre nicht aufs Konzertpodium; als er nach Studien bei Alberto Ginastera zu Nadia Boulanger nach Paris ging, verschwieg er deshalb zunächst seine Herkunft aus dem Tango, bis Boulanger ihn ermutigte, dazu zu stehen. Aus der letzten Schaffensphase stammt die dreiteilige Suite „La Camorra“, benannt nach der neapolitanischen Mafia-Organisation; sie erschien 1989 auf dem Album „Camorra“, der letzten von drei Einspielungen mit dem US-Produzenten Kip Hanrahan. Der Titel lässt sich als Rückblick auf die Jugend in New York lesen, wo im Friseursalon des Vaters in Greenwich Village Mafiosi ein und aus gingen, aber auch als selbstbewusste Umkehr eines Stigmas. „La Camorra I“ (1988) beginnt stolz, breitbeinig und ruhelos, mit düsteren Klangfarben, Geräuscheffekten und energischen Glissandi, zwischen denen sich berührende Melodien behaupten.
Die Werkgruppe „Soledad“, „Fugata“ und „Tangata“ schrieb Piazzolla 1969 für das nie verwirklichte Ballett „Silfo y Ondina“ des Choreographen Oscar Araiz. „Soledad“ bewegt sich im wiegenden Puls einer schemenhaften Milonga, ehe das Bandoneon mit einem sehnsuchtsvollen Thema einsetzt; in „Fugata“ treten nach dem Prinzip der barocken Fuge vier Stimmen nacheinander ein, und das Stück wird zunehmend perkussiv – der Titel bedeutet im Italienischen „Vertriebene“. In „Tangata“ kehrt das Bandoneon-Thema aus „Soledad“ in getragener Gestalt wieder. „Adios Nonino“ entstand 1959 in einer düsteren Lebensphase: Von Tango-Puristen als Verräter angefeindet und auch in New York ohne die erhoffte Anerkennung, erfuhr Piazzolla vom Tod seines Vaters Vicente, liebevoll Nonino genannt. Nicht zuletzt dieses Stück führte in den 1960er Jahren zu seinem internationalen Durchbruch. „Romance del Diablo“ (1965) ist das verinnerlichte Stück einer Teufels-Trias, die mit „Tango del Diablo“ und „Vayamos al Diablo“ für ein Konzert in New York entstand; es beginnt mit nebelhaften Quartschichtungen, aus denen sich ein sinnliches, elegantes Thema löst.
Santiago Cimadevilla, der aus Argentinien stammende Bandoneonist des Quintetts, schrieb „Ecos“ (2024) für das International Bach Festival Canarias in Las Palmas auf Gran Canaria. Die Melodie, mit der das Bandoneon beginnt, geht auf das Kopfthema aus dem ersten Satz von Bachs Cembalokonzert in d-Moll BWV 1052 zurück, zunächst in Umkehrung und mit einem Gestus, der sogleich an Piazzolla erinnert; in Fuge, Tangopassagen und Kadenzen treten Piazzollas Stilmittel immer deutlicher hervor, und am Ende erscheint Bachs Thema in seiner Originalgestalt. Der chilenische Pianist Gabriel Nunez Arancibia erzählt in „Nueva Tanda no. 1: Epopeya de la Liberacion de una Mujer“, 2022 in Magdeburg vom Fracanapa New Tango Quintet uraufgeführt, von einer Emanzipation. In „Ilusion“ entdeckt eine Tänzerin die Faszination des Tangos, wird aber vom zu festen Griff ihres Partners verletzt; „Desvelo“ („Schlaflosigkeit“) schildert ihren Zwiespalt zwischen der Liebe zum Tango und der Umarmung, die sie am Ausdruck hindert. In „El Abrazo Roto“ wehrt sie sich gegen eine erneute Umklammerung und tanzt schließlich frei für sich allein.
Die Geigerin Susanne Hofmann, stellvertretende Konzertmeisterin der 2. Violinen der Magdeburgischen Philharmonie, gründete das Quintett 2007 nach Begegnungen mit argentinischen Musikern und intensiver Beschäftigung mit Piazzollas Musik. Mit ihr spielen Oli Bott (Vibraphon), der am Berklee College of Music in Boston bei Gary Burton studierte und in Berlin lebt, Santiago Cimadevilla (Bandoneon), der am Codarts Rotterdam unterrichtet, Gabriel Nunez Arancibia (Klavier), der seit 2016 in Frankreich lebt, und Winfried Holzenkamp (Kontrabass), der als Stipendiat des DAAD in Buenos Aires im Orquesta Escuela de Tango unter Emilio Balcarse spielte und Tango-Kontrabass studierte. Aufgenommen wurde im Juni 2025 in der Stadthalle Meinerzhagen; das Album erschien in der Immersive Audio Edition von hd-klassik.
