Vom Sonatenwerk Schuberts kannte ein Klavierstudent der 1980er Jahre elf Werke — so viele lagen in den gängigen Ausgaben gedruckt vor. Die heutigen Ausgaben von Henle, Wiener Urtext und Bärenreiter verzeichnen 21 bis 23 Sonaten, die neuere Forschung geht von bis zu 28 aus. Viele davon sind Fragmente, jahrzehntelang als misslungene Kompositionsstudien beiseitegelegt. Thomas Günther zeichnet im Begleitheft nach, wie sich das Urteil verschob: von Erwin Ratz, der 1953 Ergänzungen grundsätzlich ablehnte, über Maurice J. E. Brown, der Sätze, die nach der Durchführung abbrechen, als in gewissem Sinn fertig ansah, bis zu Paul Badura-Skodas Henle-Band der frühen und unvollendeten Sonaten und Martino Tirimos chronologischer Ausgabe von 1996. Andreas Krause plädierte 1992 dafür, statt zu ergänzen den folgenden Satz attacca anzuschließen; Andrea Lindmayr-Brandl sah 2003 in den ersten Niederschriften vollwertige Kompositionen.
Die Klaviersonate Nr. 1 in E-Dur D 157 vom Februar 1815 ist die erste Sonate, die der Achtzehnjährige in Angriff nahm; veröffentlicht wurde sie erst 1888. Ihr Kopfsatz beginnt mit einer Fanfare über drei Oktaven — der im 18. Jahrhundert so genannten Mannheimer Rakete —, aus der herabrieselnde Tonleitern eine großflächige Erzählung entwickeln. Der zweite Satz, ein Andante in e-Moll, wendet sich mit Zwischenteilen in G-Dur und in C-Dur ins Balladenhafte und findet, wie schon einige Lieder, einen ganz eigenen Tonfall. Es folgt ein wirbelndes Scherzo in H-Dur mit Trio in G-Dur, das Schubert noch der Konvention gemäß Menuett nennt. Ob die Sonate überhaupt eines Finales bedarf, ist offen: Paul Badura-Skoda erinnert daran, dass auch viele Sonaten Haydns mit einem Menuett enden.
Die Klaviersonate Nr. 8 in fis-Moll gehört zu den unbekanntesten Werken Schuberts. Nur der erste Satz D 571 trägt im Manuskript die Überschrift „Sonate“; der dritte und vierte Satz D 570 sind ebenfalls auf Juli 1817 datiert, und seit Browns Untersuchungen gilt das Andante D 604 mit einiger Wahrscheinlichkeit als der langsame Satz. Erster und vierter Satz brechen im Manuskript nach der Durchführung beziehungsweise zu Beginn der Reprise ab; gedruckt wurden die drei Sätze D 571 und D 570 erst 1897, das vollendete Andante schon 1887. Günther hielt sich bei den Reprisen so nah wie möglich an die Expositionen und webte in die beiden Codas noch einmal melodische Motive aus den Durchführungen ein, damit alle Substanz aus dem Vorhandenen stammt.
Die Klaviersonate Nr. 13 in A-Dur D 664 schließlich gehört zu den heitersten Werken der Klavierliteratur. Ihre Datierung ist nicht ganz eindeutig, weil das Autograph verschollen ist; inzwischen wird 1819 allgemein akzeptiert. Das liedhafte Hauptthema des ersten Satzes lässt an den Komponisten der „Forelle“ aus demselben Jahr denken, das zweite Thema beruht auf dem typisch Schubertschen Wanderrhythmus. Das Andante ist eine schlichte, dankbare Meditation, der dritte Satz eine beschwingte Apotheose des Tanzes, die sich in der Durchführung über ein polyphones Intermezzo zu einem Rausch an Arpeggien steigert. Thomas Günther, seit 2007 Professor an der Folkwang-Universität der Künste in Essen, spielt die drei Sonaten auf einem historischen Hammerflügel.
