Die sechs Sonaten und Partiten BWV 1001–1006 entstanden bis 1720 in Köthen, wo Bach als Hofkapellmeister wirkte. Drei Sonaten in vier Sätzen, deren zweiter jeweils eine große Fuge ist, wechseln mit drei Partiten aus Tanzsätzen: Die erste stellt jedem Satz ein Double zur Seite, die zweite endet mit der Ciaccona von über vierzehn Minuten, die dritte beginnt mit dem Preludio und führt über Loure, Gavotte en Rondeau, Menuette und Bourrée zur Gigue. Aldemir spielt den Zyklus vollständig und in der überlieferten Reihenfolge, verteilt auf zwei Discs.
Die Bratsche ist kein Ersatzinstrument für diese Musik, sondern eine andere Perspektive darauf. Sie klingt eine Quinte tiefer als die Geige, ihr Korpus spricht langsamer an, und die Saiten liegen weiter auseinander. Das verändert alles, was Bach der Violine abverlangt: Akkorde müssen anders gebrochen, die Fugenstimmen anders voneinander abgesetzt werden, und der längere Nachklang hält die Mittelstimmen hörbar, die auf der Geige oft nur angedeutet bleiben. In den langsamen Sätzen — dem Adagio der ersten Sonate, der Siciliana, dem Largo der dritten — tritt der dunklere Ton am deutlichsten hervor.
Das Instrument stammt von Pellegrino de Micheli und wurde 1560 in Brescia gebaut; es ist damit fast zweihundert Jahre älter als die Musik. Aufgenommen wurde im Mai/Juni und September/Oktober 2019 in der St.-Agnus-Kirche in Köthen — der Kirche, in der Bach während seiner Köthener Jahre das Abendmahl empfing; das Abendmahlsregister von 1720 mit seiner Handschrift wird dort bis heute aufbewahrt. Vor der Kirche steht das Bach-Denkmal von Heinrich Pohlmann aus dem Jahr 1885.
Das Begleitheft stellt der Aufnahme ein Vorwort voran, das an Klemens Schmitzer erinnert. Der gebürtige Hallenser, in Dresden aufgewachsen, war Posaunist, bis eine Erkrankung ihn 1999 zwang, den Beruf aufzugeben; er studierte Kulturmanagement und arbeitete als Orchestermanager am Theater Lübeck, am Konzerthaus Berlin und ab 2015 bei den Wuppertaler Bühnen. In seiner Wohnung trafen Atilla Aldemir und Ingo Schmidt-Lucas am 20. Januar 2018 zum ersten Mal zusammen, und Bachs Sonaten und Partiten waren eines der Projekte, über die an jenem Abend gesprochen wurde. Ein halbes Jahr später, am 20. Juli 2018, spielte Aldemir die Ciaccona bei Schmitzers Beerdigung in Dresden; er war eine Woche nach seinem 51. Geburtstag plötzlich gestorben. Die Produktion ist ihm gewidmet.
Die beiden Hybrid-SACDs laufen 69:11 und 71:33 und wurden in Stereo, 5.0 Surround und 3D-Binaural-Stereo aufgenommen, das die Akustik der Kirche über Kopfhörer räumlich abbildet. Das Begleitheft umfasst 40 Seiten in Deutsch und Englisch.
