Das Cello war für mich wie ein Ehepartner, sagt Isang Yun in einer der Tonbandaufnahmen von 1976. Zu seinem Cellokonzert von 1975/76 erklärte er: Da das Cello von Jugend an mein Lieblingsinstrument war, habe ich es als Mittelpunkt genommen. Er betrachtete das Instrument als seine eigene schöne, schwache Stimme, die mit der dramatischen, zerstörerischen Welt konfrontiert wird. Dass dieses autobiographischste Instrument Yuns im Mittelpunkt der Jubiläumsproduktion steht, sei stimmig, sagt Holger Groschopp im Gespräch mit Mirjam Wiesemann.
Die Werkfolge auf den ersten beiden SACDs gleicht einer Porträtskizze: wenige Striche, die den Eindruck einer Persönlichkeit einfangen. Sie führt zu verschiedenen Stationen in Yuns Schaffen — von Nore für Violoncello und Klavier (1964, revidiert 1968) und den Fünf Stücken für Klavier (1958) über Shao Yang Yin, 1966 für Cembalo geschrieben und hier in der Klavierfassung von Kaya Han, die vier Glissées für Violoncello solo (1970), das Interludium A für Klavier (1982), das Duo für Violoncello und Harfe (1984) in der Bearbeitung für Violoncello und Klavier und das Intermezzo für Violoncello und Akkordeon (1988) bis zu Espace I (1992) und den Sieben Etüden für Violoncello solo von 1993, einem seiner letzten Werke. Adele Bitter und Holger Groschopp, der Isang Yun 1982 bei der Studienwoche junger Komponisten in Hilchenbach begegnet ist, nahmen sie 2017 im Erholungshaus der BAYER AG in Leverkusen auf.
1917 in Korea geboren, ging Yun 1956 nach Europa, studierte in Paris und Berlin und entwickelte aus östlichen und westlichen Einflüssen eine eigene Sprache. Jeder Zuhörer sieht meine Position zwischen Osten und Westen anders, und das ist richtig so, sagte er Luise Rinser: Man kann meine Musik so oder so hören, als östliche oder als westliche. Dass man das kann, bezeichnet genau meinen Ort. Am Ende seines Lebens konnte er sagen: Die Teilung in mir ist vollkommen überwunden — unter der Teilung Koreas litt er bis zuletzt. 1963 reiste er nach Nordkorea, um die Grabfresken des 6. und 7. Jahrhunderts zu sehen, die für sein Denken wichtig waren; diese Reise war mit ausschlaggebend dafür, dass ihn der südkoreanische Geheimdienst im Juni 1967 aus West-Berlin nach Seoul entführte.
Die gesprochenen Teile stammen aus zwei Quellen. Im Mai 1993 hielt Yun am Mozarteum Salzburg Vorlesungen; die Auszüge handeln von der Bedeutung des Einzeltons in Europa und Asien, vom Taoismus, von Mikrokosmos und Makrokosmos — die Musik sei nicht zu komponieren, sondern zu gebären — und von seiner Einsicht: Ich wollte nach europäischem Muster komponieren, das war vollkommen falsch. Die O-Töne in drei Teilen kommen aus Gesprächen, die Luise Rinser im Herbst 1976 in Yuns Haus in Berlin-Kladow auf Band aufnahm. Yun erzählt darin seinen Lebensweg: die Kriegswaisen in Busan, die Tuberkulose, die erste Begegnung mit seiner späteren Frau Soo-Ja, die Geburt der Kinder, den Aufbruch nach Europa, Paris, Berlin — und die Entführung vom ersten Moment an.
Die vierte SACD schließt mit dem Gespräch, das Mirjam Wiesemann am 22. März 2018 in Isang Yuns Haus in Berlin-Kladow mit Holger Groschopp führte. Alle historischen Aufnahmen wurden 2019 in den Cybele Studios restauriert.
