Das Klaviertrio von 1956 steht am Anfang und für sich. Fontyn schrieb es unmittelbar nach Abschluss ihres Satzlehrestudiums, und es ist, wie sie im Begleitheft schreibt, das letzte Mal, dass sie klassische Formen verwendete: Der erste Satz beginnt mit einer kurzen Einleitung und folgt der Sonatenform mit erstem und zweitem Thema, Coda, Durchführung, Reprise und Schlusscoda — „alles ist da und kann beim Hören nachvollzogen werden“. Der zweite Satz hat die dreiteilige Liedform, der dritte ist eine strenge Fuge mit Exposition, Zwischenspielen und Orgelpunkt auf der Dominante, deren Thema auf einer Zwölftonreihe plus einem dreizehnten Ton beruht und dennoch leicht und scherzando bleibt; das Finale ist ein Rondo, „wie es sich gehört“. In der Sprache dieses Werkes, sagt die Komponistin, spiegele sich der Beginn einer stetigen Entwicklung.
Vier Jahrzehnte später entstand La fenêtre ouverte (1997) für Flöte, Violoncello und Klavier. Fontyn wollte das Stück mit der Erinnerung an den Maler Pierre Bonnard verbinden und übernahm den Titel eines seiner Gemälde; die Überschriften der Sätze sind von François Couperin angeregt, und der zweite spielt auf Bonnards L’Indolente an. Sie zitiert dazu einen Satz des Malers, der sich mühelos auf Musik übertragen lasse: Wer eine Fläche mit Farben bedecke, müsse sein Vorgehen immer wieder erneuern und unentwegt neue Form- und Farbkombinationen finden, die den Bedürfnissen des Gefühls entsprechen.
Aube (1998) ist eine Hommage an den belgischen Dichter Carlo Masoni (1921–2010). Das Ensemble A Piacere hatte es für Flöte, Gitarre und Klavier bestellt; die Uraufführung fand 1999 in Rouen statt, kurz darauf entstand die hier eingespielte Fassung für Violine, Gitarre und Klavier. Lieber Joseph! (2007) gehört zu einem Projekt zum 200. Todestag Joseph Haydns, an dem achtzehn Komponistinnen und Komponisten beteiligt waren; jeder sollte auf Leben oder Werk des Meisters anspielen, und die insgesamt bewegte, heitere Grundstimmung des dreisätzigen Stücks erinnert an seine Musik — „in aller Bescheidenheit natürlich“, fügt Fontyn hinzu.
Ferne Spuren entstand 2009 im Auftrag von Christel Nies für ihre Reihe „Komponistinnen und ihr Werk“, zum Spohr-Jahr: Aus den Buchstaben des Namens Louis Spohr gewinnt Fontyn eine Tonfolge, die besonders zu Beginn und am Ende deutlich hörbar ist — daher der Untertitel „Spohr-Spur“. Fille du vent für Flöte, Viola und Klavier schrieb sie 2013 im Auftrag von Damien Top für das Festival International Albert Roussel; angeregt hat es ein Gedicht aus der gleichnamigen Sammlung seiner Mutter, der Dichterin Andrée Brunin (1937–1993).
Das Trio Spilliaert — Jean-Samuel Bez (Violine), Guillaume Lagravière (Violoncello) und Gauvain de Morant (Klavier) — bildet den Kern der Aufnahme; für die Werke mit anderer Besetzung treten Apolline Degoutte (Flöte), Raphaël Béreau (Gitarre) und Karel Coninx (Viola) hinzu. Aufgenommen wurde vom 12. bis 15. März 2021 in den Dada Studios in Brüssel, in Stereo, 5.1 Surround und 3D-Binaural-Stereo. Das Begleitheft von 60 Seiten enthält Fontyns eigene Kommentare zu jedem Werk in drei Sprachen.
