Der 1952 geborene Peter-Jan Wagemans studierte Orgel, Komposition und Musiktheorie am Königlichen Konservatorium in Den Haag und einige Zeit bei Klaus Huber in Freiburg im Breisgau. Sein Anspruch, die europäische Tradition weiterzuentwickeln und zu erneuern, brachte ihn in den Niederlanden mit der Avantgarde wie mit dem Minimalismus in Konflikt; zugleich wurde er einer der meistgespielten Komponisten des Landes. Bis 2018 leitete er die Kompositionsabteilung des Rotterdamer Konservatoriums. Mirjam Wiesemann, die ihn 2021 in Dordrecht zum Gespräch traf, beschreibt im Begleitheft, wie theatrale, filmische, tänzerische und literarische Eindrücke in seine Werke einfließen.
Seit 2013 setzt Wagemans verstärkt auf Elektronik, weil die Orchester kaum noch neue Musik spielten und die Ensembles so beschnitten waren, dass sie nur noch in kleinen Besetzungen arbeiten konnten. Das Medium kannte er aus jahrelanger Arbeit im elektronischen Studio in Den Haag während des Studiums, doch aus Tonbandgerät und endlosem Schneiden war inzwischen die Arbeit am Computer geworden. Sein Leitbild nennt er „subjektivierte Elektronik“: Er geht von dem aus, was er als akustischer Komponist hören will, und verwendet neben synthetischen Klängen solche aus eigenen Werken oder aus seiner Biografie – bis es keine Rolle mehr spielt, ob ein Klang akustisch oder elektronisch entsteht.
„Figures In A Landscape“ (2013–2014), ein Auftrag des ASKO/Schönberg Ensemble, ist vom Kleinen zum Großen gebaut: Drei Solisten mit Flügelhorn, Klarinette und Sopransaxophon bilden einen „Club von Vagabunden“, hinter ihnen formen Synthesizer, E-Gitarre und Schlagzeug eine Art Avantgarde-Pop-Gruppe, und dahinter liegt eine vierkanalige Tonspur aus elektronisch bearbeiteten analogen Klängen. „Frozen Ritual“ (2013) für das New European Ensemble ist dagegen ohne Elektronik und fast kammermusikalisch besetzt, mit Altflöte, Bassettklarinette, Harfe, Klavier, Schlagzeug und Kontrabass. Den Anstoß gab ein Trauergottesdienst in einer Pariser Kirche für Vater und Tochter, die bei einem Verkehrsunfall umgekommen waren: Hinter dem Sarg ging, ganz allein, die Witwe in einem langen weißen Kleid.
„The Long Road“ (2016–2018), geschrieben für das E-MEX Ensemble in Essen, dehnt die letzten fünf Sekunden im Leben des englischen Radrennfahrers Tommy Simpson, der bei glühender Hitze am Mont Ventoux starb, auf 18 Minuten. Die vierkanalige Tonspur besteht größtenteils aus einem Moll-Dreiklang, der zwölf Minuten lang in einem extrem langsamen Glissando von sehr tiefer in sehr hohe Lage steigt; Simpsons letzte Worte „put me back on my bike“ sind, von zwei Engländern eingesprochen, elektronisch verarbeitet. „Night Dancer“ (2017) schrieb Wagemans zum Abschied vom Rotterdamer Konservatorium für die größte Besetzung des dort entstandenen AKOM Ensembles. Das virtuose Stück folgt streng der Mosaikform aus der Tradition von Strawinsky und Messiaen und kreist um die Posen eines Tänzers, der nachts im afrikanischen Dschungel die bösen Geister beschwört; über allem leuchtet der rote Mond.
Das DoelenEnsemble wurde 1990 von Wagemans und Frank de Groot als Residenzensemble des Rotterdamer Konzertsaals De Doelen gegründet; Chefdirigent ist Arie van Beek. Die Solisten in „Figures In A Landscape“ sind Floris Onstwedder, Lars Wouters und Erik Jan de With. Aufgenommen wurde in einer Live-Produktion im November 2019 in der Grote Zaal von De Doelen; die Elektronik steuerte Wagemans selbst vom Mischpult aus.
