Am Anfang stand ein Auftrag: 2008 sollte Holger Groschopp einen Klavierauszug zu Simon Laks’ Einakter L’Hirondelle inattendue anfertigen. Der Name sagte ihm damals wenig; bald aber erwies sich das Werk als ein Stück Musiktheater, das er in Farbigkeit, Anspielungsreichtum und Timing neben Ravels L’Enfant et les sortilèges und Poulencs Les Mamelles de Tirésias stellt. Nach 108 Seiten Klavierauszug war klar, dass es nicht bei dieser einen Begegnung bleiben würde. Dass mit Frank Harders-Wuthenow und dem Verlag Boosey & Hawkes das Zentrum der Laks-Wiederentdeckung in Groschopps Wohnort Berlin liegt und dass sich die persönliche Begegnung mit André Laks, dem Sohn des Komponisten, ergab, erleichterte die weitere Arbeit. Zeitgleich mit dem Album Simon Laks: Werke für Violoncello entstand diese erste Gesamtaufnahme der Werke für Klavier solo.
Laks’ Klavierwerke bilden keinen monolithischen Block: keine Sonatenreihe, keine Sammlung von Préludes oder Konzertetüden, sondern Stücke aus ganz verschiedenen Lebensphasen und Zusammenhängen, von denen die meisten zu Lebzeiten ungedruckt oder unaufgeführt blieben. Gerade darin liegt die Stärke der Zusammenstellung, denn alle Facetten seines Schaffens sind vertreten: Pariser Stile der 1920er-Jahre in der Sonatine, Neoklassizismus und Neobarock in Sonate brève und Suite dans le goût ancien, Echos des Impressionismus im Prélude, Anregungen der Unterhaltungsmusik in Blues und Polka, Einfühlung in Chopin in der Ballade, in das 18. Jahrhundert in den Trois Polonaises und in die jiddische Folklore in Les filles du forgeron.
1901 in Warschau geboren, studierte Laks Mathematik in Vilnius sowie Musik in Warschau und Paris, wo er ab 1926 dauerhaft lebte und seinen Vornamen Szymon zu Simon französisierte. Die Sonatine von 1927 ist das einzige erhaltene Werk jener Jahre; sie besticht durch bitonale Kombinationen und verlangt mehr Virtuosität, als der bescheidene Titel vermuten lässt. 1941 wurde Laks wegen seiner jüdischen Herkunft interniert, 1942 nach Auschwitz-Birkenau deportiert; überleben konnte er, weil ihm die Leitung des Lagerorchesters übertragen wurde. Die Trois Polonaises Varsoviennes du XVIIIe siècle haben einen biographischen, nicht musikalischen Bezug zu diesem Ort: Die Melodien unbekannter Autorschaft wurden ihm im Lager zugetragen, er bearbeitete sie dort für kleines Orchester und rekonstruierte die verschollene Fassung 1947. Groschopp warnt im Begleitheft vor der Falle der Gedenktags-Aufführung — Musik dieser Qualität gehöre in den ganz normalen Konzertbetrieb.
Einen stilistischen Bruch zwischen den Werken vor und nach 1945 gibt es nicht. Die Sonate brève von 1946 ist für Cembalo geschrieben; hinter der historisierenden Fassade steht eine melancholische Grundhaltung, der zweite Satz dehnt seine Taktenden zu einem 7/8-Takt, der letzte folgt dem Vorbild einer barocken Gigue. Die Ballade „Hommage à Chopin“ entstand 1949 zum 100. Todestag des Landsmanns und wurde beim Wettbewerb des Polnischen Komponistenverbandes prämiert: langsame Einleitung in Fis-Dur, dramatische Episoden, Mazurka, und eine Coda, die sich an den Schlüssen von Chopins erster und vierter Ballade orientiert. Prélude, Blues et Polka sind unabhängig voneinander entstandene Bagatellen, 2021 als Triptychon veröffentlicht; die Polka, Schlusssatz der Petite Suite légère für Orchester, nennt Groschopp ein Stück, das auch im Zirkus nicht fehl am Platz wäre. Die Suite dans le goût ancien von 1966 lässt fünf Barocktänze in melancholisch dissonanter Harmonik wie eine ferne Erinnerung an Ravels Le Tombeau de Couperin erscheinen.
Den Schluss bildet eine Entdeckung. Für eine Inszenierung des jiddischen Schauspiels Dem Schmids Techter / Les filles du forgeron von Peretz Hirschbein schrieb Laks 1964 eine Bühnenmusik für Gesang, Klarinette, Violoncello und Klavier, in der er Texte und Melodien jiddischer Volkslieder aufgriff; wo die Folklore endet und Laks beginnt, ist nicht immer zu entscheiden. Damit diese Musik nicht auf die seltenen Wiederaufführungen des Stücks warten muss, destillierte Groschopp 2020 gemeinsam mit Adele Bitter zunächst eine fünfsätzige Suite für Violoncello und Klavier; aus den übrigen Nummern ließ sich fast vollständig eine zweite Suite aus sieben Miniaturen für Klavier solo bilden. Die Einspielung wurde 2023 mit dem OPUS KLASSIK für die Editorische Leistung des Jahres ausgezeichnet.
