Simon Laks stammte aus einer assimilierten jüdischen Familie in Warschau, in der religiöse Traditionen sich nur noch in musikalischen Überlieferungen fanden. Seine Mutter sorgte für die musikalische Ausbildung der Kinder; nach einem begonnenen Mathematikstudium in Vilnius bekam Szymon — der seinen Namen in Frankreich „Simon“ schrieb — einen Studienplatz für Dirigieren und Komposition am Warschauer Konservatorium. Der wiederaufflammende Antisemitismus in Polen und die mageren Aussichten auf künstlerische Entwicklung führten ihn zunächst nach Wien und bald nach Paris, wo er seine Studien am Conservatoire bei Henri Rabaud und Pierre Vidal abschloss. Zunächst musizierte er zum Broterwerb in Cafés und auf Schiffsreisen, dann gewann er im Pariser Musikleben Gestaltungsspielraum, vor allem über die Association des jeunes musiciens polonais. Sein weitreichendes Netzwerk ist dokumentiert — und doch scheint eine persönliche Bescheidenheit ihn nie in die vorderste Reihe treten gelassen zu haben.
Die Trois pièces de concert von 1933 führen vom ersten Ton in das Paris der frühen Dreißigerjahre, geprägt vom „néoclassicisme“, vom Einfluss des Jazz und von den nationalen Traditionen, welche die vielen zugewanderten jungen Komponistinnen und Komponisten aus Mittel- und Osteuropa mitbrachten. Im ersten Satz wird ein Gavotte-Thema nach allen Regeln der barocken Kunst mit zeitgenössischer Raffinesse variiert; die Romance deutet Harmonien des Blues an und bleibt dabei innig und in sich gekehrt; das abschließende Mouvement perpétuel verneigt sich vor Ravels zweiter Violinsonate und erweckt mit unerwarteten Richtungswechseln den Eindruck, es gebe keinen Weg zurück. Widmungsträger und Uraufführungsinterpret war André Hekking, Solocellist des Concertgebouw Orkest und Professor am Pariser Konservatorium.
Ein Jahr zuvor, 1932, hatte Laks die Sonate für Violoncello und Klavier Maurice Maréchal auf den Leib geschrieben, der sie mit Laks’ Landsmann Vlado Perlemuter aus der Taufe hob. Jede Phrase des ersten Satzes birgt eine Erzählung; impressionistische, an Debussy erinnernde Harmonik trifft auf rhythmische Asymmetrien und melodische Wendungen aus der polnischen Folklore. Der zweite Satz ist ein Blues, der dritte lebt von rhythmischen Mustern, die erst viel später für den Cool Jazz charakteristisch werden sollten; der fulminante Schluss in d-Moll bestätigt den ernsten Grundton des Werkes.
Was Laks ein Vierteljahrhundert später widerfuhr, war zur Entstehungszeit der Sonate nicht vorstellbar. Während seine beiden ebenfalls in Frankreich lebenden Brüder mit gefälschten Papieren der Verhaftung entgingen, meldete er sich im Sommer 1941 einem Aufruf folgend als jüdischer Ausländer bei den Behörden des Vichy-Regimes, wurde im Lager Beaune-la-Rolande interniert und 1942 vom Lager Pithiviers nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Er überlebte als Musiker im Lagerorchester und war einer der Ersten, die darüber schrieben: 1948 erschien die erste Fassung seines Berichts Musiques d’un autre monde, den er später zugunsten größerer Sachlichkeit überarbeitete. „Dies ist kein Buch über Musik“, heißt es dort, „dies ist ein Buch über Musik im Konzentrationslager.“ Die Passacaille (Vocalise) von 1946 steht am Übergang in die Zeit danach.
Aus dem Spätwerk stammen der dreisätzige Dialogue für zwei Violoncelli von 1964, in dem Mischa Meyer die zweite Stimme übernimmt, und die Suite Les filles du forgeron aus demselben Jahr, die Holger Groschopp 2020 für Violoncello und Klavier eingerichtet hat; ihre Sätze tragen jiddische Liedtitel wie Laig ich main Kepele und Hei di Wintl. Aufgenommen wurde vom 6. bis 8. März 2020 und am 22. Februar 2022 im Erholungshaus der BAYER AG in Leverkusen, in Stereo, 5.0 Surround und 3D-Binaural-Stereo. Gemeinsam mit der zeitgleich erschienenen Gesamtaufnahme der Klavierwerke (Cybele SACD 162202) dokumentiert das Album eine jahrelange Beschäftigung mit diesem Komponisten; die Reihe wurde 2023 mit dem OPUS KLASSIK als Editorische Leistung des Jahres ausgezeichnet.
