Das Bandoneon, das den typischen Piazzolla-Klang verkörpert wie kein anderes Instrument, stammt nicht aus Argentinien, sondern vom Niederrhein: 1850 warb der Krefelder Instrumentenbauer Heinrich Band für eine Balgharmonika mit Knöpfen statt Tasten. In deutschen Arbeiterfamilien populär geworden, wanderte sie mit ihren Besitzern nach Südamerika aus und wurde vor allem in Buenos Aires zum Symbol des Tangos. Auch Piazzollas Wurzeln lagen in Europa: Der Sohn eines ausgewanderten italienischen Friseurs lernte das Bandoneon eher widerwillig, die Tangobegeisterung packte ihn erst mit 15 Jahren, und er träumte weiter von einer Laufbahn als ernster Komponist. Bei Alberto Ginastera studierte er die Verschmelzung südamerikanischer und europäischer Musik, und so ist die Sinfonietta 1953 für Kammerorchester noch deutlich von Béla Bartok und Igor Strawinsky geprägt: Ein vorwärtstreibendes Ostinato bestimmt den ersten Satz, eine lang gezogene, düstere Melodie den Mittelsatz, und das Finale jagt motorisch dem Ziel entgegen. Dem 32-Jährigen brachte die Sinfonietta einen nationalen Kritikerpreis ein.
Der Erfolg ermutigte ihn, sich bei Nadia Boulanger in Paris weiteren Schliff zu holen – für Kerstin Schüssler-Bach, die Autorin des Begleithefts, die Geburtsstunde des eigentlichen Piazzolla. Er schämte sich zunächst, ihr von seiner Arbeit als Tangomusiker in Bordellen und Kabaretts zu erzählen, doch Boulanger riet ihm, seine innere Stimme nicht länger zu verleugnen: „Dein Tango ist die neue Musik, und sie ist ehrlich.“ 1955 gründete er in Buenos Aires sein eigenes Ensemble und schuf den Tango Nuevo, der Klassik, Jazz, Pop, Neue Musik und traditionelle Elemente verschmolz. „Tangazo – Variationen über Buenos Aires“ ist eine weitere Liebeserklärung an die argentinische Hauptstadt: Nach einem Beginn, der an die ernsten Passagen der Sinfonietta erinnert, und einem geheimnisvollen chromatischen Murmeln der Bässe schwingt sich eine intensive, in ihrer Traurigkeit grandiose Melodie auf, ehe eckige, abgerissene Rhythmen in die Tangolokale der Hafenmetropole führen. Bei der Uraufführung 1970 in Washington vermisste Piazzolla bei den klassisch ausgebildeten Musikern aus seiner Heimat Salz und Pfeffer – die alte Trennung zwischen Klassischem und Populärem wollte er nicht gelten lassen.
Den vielen kulturellen Einflüssen der Hafen- und Einwandererstadt setzt „Die vier Jahreszeiten von Buenos Aires für Bandoneon und Streichorchester“ ein Denkmal. Der Titel spielt auf Vivaldi an, und barocke Elemente wie Fugen und motorische Motive mischen sich in die Tangomelodien. Einen Zyklus hatte Piazzolla ursprünglich nicht im Sinn; die vier Sätze wurden zwischen 1965 und 1970 bei getrennten Gelegenheiten mit seinem Quintett uraufgeführt. Lothar Hensels Fassung, hier erstmals eingespielt, rückt näher an das Original heran als manche Bearbeitung für das Klassik-Repertoire. Auch „Adios Nonino“ ist in dieser Gestalt eine Ersteinspielung: Piazzollas Freund José Bragato, Cellist und Kopist seiner Werke, hinterließ eine Version für Bandoneon und Streichorchester, von deren Manuskript Hensel eine Kopie besaß und eine spielbare Fassung herstellte. Piazzolla schrieb das Stück unmittelbar nach dem Tod seines Vaters Vicente, den die Familie Nonino (Großvater) nannte und der dem Achtjährigen einst ein Bandoneon in die Hand gedrückt hatte. „Oblivion“ entstand als Filmmusik zu „Enrico IV“ mit Marcello Mastroianni und Claudia Cardinale nach Luigi Pirandello; Rasmus Baumann wählte dafür ein Arrangement des venezolanischen Dirigenten Eduardo Marturet.
Lothar Hensel studierte Bandoneon bei bekannten Tangomusikern in Buenos Aires und Paris und spielte mehrfach mit den Berliner Philharmonikern; über das Arrangieren kam er zum Komponieren und schrieb Werke für großes Orchester, Opern, Bühnenmusiken und ein Bandoneonkonzert für sich selbst. Rasmus Baumann wurde zur Spielzeit 2014/15 Generalmusikdirektor der Neuen Philharmonie Westfalen; schon im Studium arbeitete er als Organist, Chordirektor und Jazzpianist, und 2015 brachte er mit dem Orchester ein Tango-Doppelkonzert für Bandoneon, Violoncello und Orchester zur Uraufführung, das er bei dem Argentinier Daniel Binelli, einem Schüler Piazzollas, in Auftrag gegeben hatte. Die Neue Philharmonie Westfalen, Opernorchester des Musiktheaters im Revier Gelsenkirchen, spielt als Landesorchester Nordrhein-Westfalen auch in Städten ohne eigenes Sinfonieorchester. Aufgenommen wurde im März und April 2021 im Großen Saal der Neuen Philharmonie Westfalen in Recklinghausen.
