Mit der Frage, ob französische Musik „bezaubernde Leichtigkeit, changierende Farbigkeit, charmante Ironie“ bedeute, beginnt Judith Schor ihren Text im Begleitheft. Henri Dutilleux wollte von französischer Leichtigkeit nichts wissen. Er war sein eigener größter Kritiker und wehrte sich vehement dagegen, einer Schule, Strömung oder Gruppierung zugeordnet zu werden; so sehr er Claude Debussy, Maurice Ravel und Darius Milhaud verehrte, fühlte er sich doch weit entfernt von ihrer Leichtigkeit. Komponieren war für ihn „eine Art Zeremonie“, die man ernsthaft betreiben müsse, „etwa wie die Liebe“. „Métaboles“ schrieb er auf dem Zenit seines Schaffens zum 40-jährigen Bestehen des Cleveland Orchestra, das das Werk im Januar 1965 unter George Szell uraufführte. Die fünf ohne Unterbrechung ineinander übergehenden Sätze, von Incantatoire bis Flamboyant, folgen dem Prinzip der Metamorphose in der Natur: Jeder Satz wird aus Elementen des vorigen entwickelt und unterzieht das bereits „Gesagte“ einer analytischen Reflexion.
Olivier Messiaen, Sohn eines Englischprofessors und Shakespeare-Spezialisten und einer Dichterin, verband in seiner Musik die Gregorianik mit dem Klang javanischer Gamelan-Orchester und die Metrik griechischer Versmaße mit den Skalen indischer Ragas; auf Reisen zeichnete er Vogelrufe auf und legte sie, präzise notiert, seinen Kompositionen zugrunde. Hinzu kommen ein tiefer katholischer Glaube und seine Synästhesie: Messiaen assoziierte Klänge mit Farben. „Les Offrandes oubliées“, eine sinfonische Meditation von etwa elf Minuten, wurde 1931 in Paris als sein erstes Orchesterwerk uraufgeführt. Der damals 22-Jährige beschrieb sie als Altar-Triptychon: Auf „Das Kreuz“, eine Klage der Streicher, „von tiefen grauen und malvenfarbigen Seufzern zerschnitten“, folgt nach einem scharfen Übergang „Die Sünde“, ein Lauf in den Abgrund in nahezu mechanischer Geschwindigkeit; in der „Eucharistie“ wird aus einem Flirren und Glitzern eine sphärische Melodie. Die Sünde deutete Messiaen als Gottvergessenheit, Kreuz und Eucharistie als göttliche Opfer.
Mozart war Messiaens Lieblingskomponist; ihn begeisterten vor allem die Farbigkeit und die Leichtigkeit seiner Musik. Die Analyse von Mozarts Werken spielte in Messiaens Kompositionsunterricht am Pariser Konservatorium eine herausragende Rolle, und 1990 veröffentlichte er die Ergebnisse in dem Buch „Les 22 concertos pour piano de Mozart“. Zu Mozarts 200. Todestag 1991 setzte er ihm mit „Un Sourire“ ein persönliches Denkmal: Mozart habe Hunger gelitten und gefroren und fast alle seine Kinder verloren, „und trotzdem lächelte er immer“; deshalb habe auch er zu lächeln versucht, mit einem kleinen Stück von neun Minuten. Uraufgeführt wurde es am 5. Dezember 1991, kurz vor Messiaens Tod. Rhythmus, die Zuordnung von Farben zu Klängen und Vogelstimmen prägen dieses späte Orchesterwerk; es endet in A-Dur, einem Klang, dem Messiaen die Farbe Blau zuwies.
Ganz anders Ravel: 1909 beauftragte ihn Sergei Djagilew mit einer Ballettmusik für seine Ballets russes nach dem spätantiken Stoff von Daphnis und Chloé. „Daphnis et Chloé, Fragments Symphoniques, 2e Série“ (1913) greift den letzten Teil des Balletts auf: den Sonnenaufgang des „Lever du jour“, die Pantomime, in der ein Flötensolo das Lied der Syrinx nachzeichnet und Daphnis sich mit Chloé vereint, und die fieberhafte „Danse générale“. All das, was man in Dutilleux’ „Métaboles“ nicht findet, lässt Ravel hier sprudeln, schreibt Judith Schor. Julia Jones prägte als Generalmusikdirektorin von 2016 bis 2021 die künstlerische Ausrichtung des Sinfonieorchesters Wuppertal mit neuen Konzert- und Vermittlungsformen; im Januar 2020 kehrte das Orchester in das ausverkaufte Concertgebouw Amsterdam zurück. „Un Sourire“ wurde am 18. Februar 2018 mitgeschnitten, die übrigen Werke am 20. Januar 2019, jeweils in der Historischen Stadthalle Wuppertal.
