Der gregorianische Choral, so das Begleitheft, erklingt bis heute in ursprünglicher Weise, einstimmig und unbegleitet. Wie er durch die Jahrhunderte überliefert wurde, lässt er sich aber auch in die Stile dieser Zeiten übertragen: In der Choralimprovisation verbindet sich ein Choralthema mit dem jeweiligen Zeitgeist, sei es in Form einer barocken Suite oder Fantasie, sei es im Gewand einer französischen Symphonie. Der Mitschnitt des Konzerts, das am 26. April 1998 im Rahmen der von Fr. Gregor Brandt geleiteten Marienstatter Abteikonzerte anlässlich des 900-jährigen Ordensjubiläums stattfand, wird dort als Momentaufnahme solcher Aneignungen beschrieben, die in dieser Form nie wiederkehren.
Die Themen stammen aus den Gesängen des Bernhardsfestes am 20. August und des Festes der Sieben Schmerzen Mariens am 15. September sowie aus dem täglich wiederkehrenden Marienlob des Salve Regina. Bernhard von Clairvaux, der den Beinamen „Doctor marianus“ erhielt, fühlte sich der Gottesmutter zeitlebens sehr nahe. Der Legende nach ergänzte er das Salve Regina nach einer Predigt im Speyerer Dom um die Schlussanrufungen „O clemens, o pia, o dulcis virgo Maria“. Während er bei der Überarbeitung der gregorianischen Gesänge sonst kürzte und vereinfachte, fügte er marianischen Hymnen und Antiphonen gern noch Töne hinzu, wie Fr. Jakob Schwinde im Begleitheft ausführt; ein Beispiel ist das große zisterziensische Salve Regina am Schluss der CD.
In der Suite française im Barockstil über den Hymnus „Bernardus Doctor inclytus“ wechseln Strophen des Vesperhymnus, von der Schola gesungen, mit sechs Orgelsätzen ab, vom Plein jeu als Präludium über Duo, Trio, Basse de trompette und Récit de Nazard bis zum Dialogue als Postludium; der unbekannte Dichter des Hymnus zitiert im Schlussvers jeder Strophe den Anfangsvers eines anderen Hymnus. Die Phantasie und Fuge im deutsch-romantischen Stil über die Antiphon „Salve Regina“ folgt auf den Gesang der Antiphon. In den Versetten über den Hymnus „Stabat Mater dolorosa“ antwortet die Orgel im französisch-romantischen Stil auf fünf Strophen des Hymnus vom Fest der Sieben Schmerzen Mariens.
Die Symphonie pour Grand-Orgue greift Gesänge des Bernhardsfestes und das Marienlob auf: Dem Allegro maestoso geht der Introitus „In medio ecclesiae“ voraus, dem Andante cantabile die erste Strophe des Vigilhymnus „Bernardus inclytis ortus natalibus“, dem Scherzo das Alleluia „Charitate vulneratus“ und dem Final das Salve Regina.
Wolfgang Seifen, 1956 geboren, besuchte ab 1967 das Musikgymnasium der Regensburger Domspatzen und studierte Katholische Kirchenmusik in Aachen und an der Robert Schumann Hochschule Düsseldorf. 1983 wurde er an die Päpstliche Basilika St. Marien in Kevelaer berufen. Seit 1992 leitet er an der Düsseldorfer Hochschule eine Orgelklasse für Improvisation und liturgisches Orgelspiel, 1995 wurde er dort Professor; zudem ist er Mitbegründer der Internationalen Altenberger Orgelakademie für Improvisation. Die Rieger-Orgel der Abteibasilika von 1969/70 besitzt vier Manuale und ein Spanisches Werk.
