Alexander Borodin kennt man vor allem als Komponisten der Sinfonie in h-Moll, der „Steppenskizze aus Mittelasien“ und der Oper „Fürst Igor“, die er bei seinem plötzlichen Tod 1887 als Fragment hinterließ. Weniger bekannt ist, dass er in Russland als „Vater des russischen Streichquartetts“ gilt. Anders als seine Mitstreiter im „Mächtigen Häuflein“ schätzte der nie systematisch ausgebildete Komponist die Kammermusik besonders; schon mit knapp 14 Jahren schrieb er ein Streichtrio, mit 17 ein Klaviertrio. Das Klavierquintett ist das letzte Werk dieser frühen Kammermusikperiode. Im Sommer 1861 führte ein Forschungsauftrag in Chemie den promovierten Mediziner nach Heidelberg, wo er die russische Pianistin Jekaterina kennenlernte; gemeinsames Musizieren und Konzerte in Heidelberg, Baden-Baden, Mannheim und Pisa machten ihn mit Werken Chopins und Schumanns vertraut.
Anfang 1862 entstand das Quintett für 2 Violinen, Viola, Violoncello und Klavier, das wie so viele Werke Borodins ungedruckt blieb und erst 1938 erschien. Im Kopfsatz stellt das Klavier im Oktav-Unisono ein kantables, durch den Wechsel von Dreier- und Zweiertakt eigentümlich schwebendes Thema vor, dessen äolische Färbung in f-Moll slawisch klingt; das zweite Thema wirkt wie eine Fassung als „Lied ohne Worte“. Das Scherzo lässt sein erstes Thema von der Viola aus fugierend durch die Stimmen laufen und macht das komödiantische zweite zum pianistischen Kabinettstück. Das Finale beginnt elegisch in c-Moll, bringt eine Mendelssohn-nahe Episode und eine kleine „Chopiniade“, steigert sich hymnisch und verklingt im Pianissimo.
Borodin und Schostakowitsch verbindet auch eine biographische Spur: Ein Borodin-Stipendium, vermittelt durch Alexander Glasunow, erlaubte dem mittellos gewordenen Schostakowitsch in der Zeit nach der Revolution, sein Studium am Konservatorium in Petersburg fortzusetzen. In Leningrad entstand 1940 auch sein Quintett für 2 Violinen, Viola, Violoncello und Klavier Op. 57, in einer für Künstler hochgefährlichen Zeit: Seit Stalin 1935 eine Aufführung von „Lady Macbeth“ vorzeitig verlassen und die Parteipresse 1936 von „Chaos statt Musik“ geschrieben hatte, fühlte sich Schostakowitsch besonders bedroht. Das Quintett brachte eine Wende: Nach der umjubelten Uraufführung im November 1940 in Moskau mit dem Beethoven-Quartett und dem Komponisten am Flügel erhielt es am 16. März 1941 den neu geschaffenen Stalinpreis I. Klasse.
Das Klavier eröffnet das Praeludium mit einer fast pathetischen Akkordgeste; attacca folgt eine groß angelegte Fuge über ein stockendes, elegisches modales Thema im zarten Sordinoklang. Nach dem tänzerischen, derb zupackenden Scherzo und einem meditativen Intermezzo gleitet die Musik fast unmerklich ins heitere Finale. Thomas Leander, 1960 in Düsseldorf geboren, studierte bei Herbert Drechsel, Paul Badura-Skoda und Geoffrey Parsons und wurde 1995 an der Düsseldorfer Robert Schumann Hochschule zum Professor berufen. Das 1988 gegründete Minguet-Quartett wurde lange von Walter Levin betreut; es spielt hier in der Besetzung Ulrich Isfort und Annette Reisinger (Violine), Irene Schwalb (Viola) und Matthias Diener (Violoncello). Die Aufnahme entstand vom 17. bis 19. Dezember 1997 in der Festhalle Viersen.
