Günther Becker, geboren 1924, absolvierte ein Kapellmeisterstudium bei Gerhard Nestler in Karlsruhe und studierte Komposition bei Wolfgang Fortner in Heidelberg und Detmold. Von 1956 bis 1968 lebte er in Griechenland, unterrichtete in Athen und baute 1962 am dortigen Goethe-Institut ein Studio für Neue Musik auf. 1968 ließ er sich als freischaffender Komponist in Essen nieder und gründete 1969 die live-elektronische Gruppe „Mega-Hertz“. Von 1971 bis 1974 war er Präsident der deutschen Sektion der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik, von 1973 bis 1989 lehrte er am Robert-Schumann-Institut in Düsseldorf.
Den ersten großen Erfolg hatte Becker mit dem Orchesterwerk stabil-instabil (1965), 1966 in der WDR-Reihe „musik der zeit“ in Köln uraufgeführt. Sein Material sind klangliche „Archetypen“, dichte Geräuschfelder der Streicher und harte Einzelklänge des Blechs, die erst für sich stehen und dann verschmelzen, bis eine neue Stabilität am Ende zerbröckelt. Am 1. Streichquartett (1963) hob Hans Heinz Stuckenschmidt nach der Darmstädter Uraufführung 1964 den „ekstatischen Ausdruck“ hervor. Die Nacht und Traumgesänge (1964) für gemischten Chor und Orchester vertonen Gedichte von Beckers Freund Odysseas Elytis im griechischen Original; Becker löst die Sprache in Laute auf und behandelt sie nach ihren Klangwerten, unabhängig von der Wortbedeutung.
Correspondances I (1966), bei den Donaueschinger Musiktagen uraufgeführt, stellt einen Solisten, der zwischen vier Instrumenten wechselt, einem Tutti-Block gegenüber. Das Bläserquintett Serpentinata (1967/68) geht von Parmigianinos „Selbstportrait im Konvexspiegel“ aus, auf dem die vom Spiegel vergrößerte Hand zur Hauptsache wird; ebenso wird hier der anfängliche Clusterklang zum Element, das den Verlauf steuert. Mit den Caprices concertants (1968) für Mandoline, Mandola, Gitarre und Zupforchester wählte Becker eine in der Neuen Musik seltene Besetzung und gewann ihr ungewohnte Effekte ab, kompromisslos gegen alles Volkstümliche.
Seit Mitte der sechziger Jahre beschäftigte sich Becker intensiv mit Elektronik. Scanning (1969/70) für Blechbläserquintett und zweikanaliges Tonband überträgt das Rasterverfahren des Zeitungsfotos auf die Komposition: Eine musikalische Gestalt wird in ihre Elemente zerlegt, die die Bläser live spielen oder, elektronisch verändert, das Band zuspielt. Im Konzert für elektronisch modulierte Oboe und Orchester (1973/74), einem frühen Dokument live-elektronischen Komponierens, wird der Oboenklang im Moment der Artikulation verwandelt. In Passagen (1975/76) nach Texten von Franz Mon, Jürgen Becker, Ernst Jandl und Ingeborg Bachmann löst die Sprecherin die Modulation ihrer Stimme selbst aus. Die Fragmente aus „Hymnen an die Nacht“ (Novalis) von 1979 schrieb Becker für das collegium vocale Köln.
Die Aufnahmen produzierten BR, WDR und SWF zwischen 1964 und 1981. Es spielen das Symphonieorchester des BR unter Michael Gielen und, mit Pierre W. Feit als Solisten im Oboenkonzert, unter Ernest Bour, Chor und Symphonieorchester des BR unter Andrzej Markowski, Hans Lemser mit Mitgliedern des Sinfonieorchesters des SWR unter Ernest Bour, das Parrenin-Quartett, Gisela Saur-Kontarsky (Stimme), Herbert Henck, Christoph Caskel und Raimund Jülich, das collegium vocale Köln mit Wolfgang Fromme, das American Brass Quintet sowie Reinhard Froese und das Landesjugendzupforchester NRW unter Karl-Heinz Keinemann. Die Portrait-Reihe gibt Komponisten Gelegenheit, sich mit selbst gewählten Werken und Interpreten vorzustellen.
