„Melodie ist der Dreh- und Angelpunkt des Klanguniversums von Sidney Corbett“, schreibt Hanno Ehrler im Begleitheft. Corbett studierte Musik und Philosophie in San Diego und an der Yale University sowie von 1985 bis 1988 bei György Ligeti in Hamburg. Von der Rockmusik kommend, begegnete er dem klassisch-romantischen Repertoire erst im Studium, ganz unbefangen, als einer Facette unter vielen, wie der Musik des Mittelalters oder der Renaissance. Seine Linien entwickelt er aus dem einzelnen Ton, klangfarbliche Tricks und avantgardistische Effekte meidet er weitgehend: Der Klang wirkt traditionell, die Musik ist es nicht.
„Die Stimmen der Wände“ (1993) entstand im Auftrag der Stadt Mönchengladbach als Gemeinschaftswerk mit der bildenden Künstlerin Brigitte Maria Zarm, deren sechs Objekte aus Taubenfedern, Metalldraht und Federkielen beim Ensemblia-Festival 1993 zusammen mit der Musik vorgestellt wurden. Ausgangspunkt waren die Proportionen des romanischen Münsters und die Neumen des Gladbacher Missale aus dem 11. Jahrhundert. Die sechs Sätze für Flöte, Bassklarinette/Altsaxophon, Posaune, E-Gitarre, Violine und Violoncello spielen auf mittelalterliche Formen an: „Symphoniae“ entwickelt eine einstimmige, gregorianisch anmutende Melodik, „Porta“ ist eine Ballata, „Amplificat“ ein Perpetuum mobile im stetigen Crescendo. „Pellere Noxia Mundi“ zitiert die Inschrift der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Glocke des Münsters, „Responsorium“ widmet sich der Ornamentik, und in „Ultimus“ kreist eine einsame Solovioline über einem langsam absteigenden Choral.
„Bleeding in Babylon“ schrieb Corbett 2003 für das Industrieviertelfestival in Schwechat bei Wien, nach einer Woche direkt neben der dortigen Ölraffinerie, während die Zeitungen vom Eroberungskrieg im Land der babylonischen Gefangenschaft berichteten. Für diese Aufnahme mit Seth Josel, John Corbett (Bassklarinette) und Michael Tiepold (Kontrabass) hat er das Stück 2004 neu gefasst. „que hora es in paradiso“ (2002) für Banjo und Bassklarinette entstand für ein Banjo-Projekt von Josel und John Corbett; die Klarinette übernimmt die gehaltenen Töne, die dem Banjo fehlen, und der Titel mischt Spanisch, Italienisch und Latein wie die Frage eines Pilgers nach dem Weg. Das Thema der „variations in memoriam Edison Denisov“ (1998) für klassische Gitarre kam Corbett nach Denisovs Tod im Traum; es verbindet die Tonbuchstaben aus Denisovs Namen mit Corbetts Initialen.
„Exits“ (2005) für E-Gitarre und Ensemble nennt Corbett ein ausdrücklich autobiographisches Werk. Er schrieb es für Seth Josel, im Auftrag des Deutschlandfunks für ein Porträtkonzert beim Forum Neuer Musik 2005. „Self portrait“ ruft Strukturen früherer Stücke wie der Kammeroper „X UND Y“ auf, die „Tarantella“ ist ein Totentanz, „Malibu“ erinnert an den 2002 tödlich verunglückten Komponisten Mark Osborn, „Desert“ an eine nächtliche Fahrt durch die Wüste auf dem Weg nach Las Vegas. Josel, 1961 in New York geboren, war von 1991 bis 2000 Mitglied der musikFabrik. „Die Stimmen der Wände“ und „Exits“ wurden beim Porträtkonzert am 4. März 2005 im Sendesaal des Deutschlandfunks mitgeschnitten, die übrigen Werke Anfang März 2005 am selben Ort aufgenommen.
