Denkt man an die Orgel, denkt man an Kirche — und ganz falsch ist das nicht, schreibt Stefan Fricke im Begleitheft: Die meisten „Königinnen“ stehen in Gotteshäusern, und das Gros der für sie komponierten Musik dient dem Gottesdienst. Ursprünglich aber ist die Orgel gar kein religiöses Instrument. Ihr Ort heißt Arena; dort begleitet sie, oft im Verbund mit Hörnern und Trompeten, Wagenrennen, Gladiatorenkämpfe und Hinrichtungen, und schon in der Antike, als ihre Mechanik noch mit Wasser in Gang gesetzt wird, flankiert sie das komödiantische und pantomimische Spiel der Griechen und Römer. Im 8. Jahrhundert erhebt sie ein Kaiser zum klangvollen Statussymbol seiner Macht; erst nach und nach wird die katholische Kirche ihr hauptsächlicher Wirkungsort. Kein anderes Instrument des Abendlandes war derart stark gesellschaftlichen und kirchenpolitischen Vereinnahmungen und Ablehnungen ausgesetzt.
Mit dieser Geschichte hängt auch die individuelle Geschichte der Instrumente zusammen, an denen Willem Tanke die beiden Werke eingespielt hat. Für Regers Variationen wählte er die 1923 gebaute Adema-Orgel der St.-Bavo-Kathedrale in Haarlem mit ihren vier Manualen und 81 Registern; für seine eigenen Fantasien entschied er sich für die beiden Marcussen-Orgeln der Grote of Sint Laurenskerk in Rotterdam — die Seitenschifforgel von 1959 für die erste, die große Orgel von 1973 für die zweite. Es sind Entscheidungen aus ästhetischen wie aus aufführungspraktischen Erwägungen.
Mit den Variationen und Fuge über ein Originalthema op. 73 zeigt Max Reger sein Können als Künstler der musikalischen Variation. Das kompositorisch komplexe und spieltechnisch komplizierte Werk besteht aus sechzehn Sätzen: einer langsamen Introduzione, der Vorstellung des selbst erfundenen Themas in einem Andante, dreizehn Variationen und einer schnellen Schlussfuge. Dass das Thema von ihm selbst stammt, betont schon der Titel — Reger ging sonst häufig von Themen anderer aus, von Bach, Telemann, Mozart oder dem Tonmotiv B-A-C-H. Der Essener Organist Gerd Zacher unterscheidet in op. 73 vier Variationstypen: Figuralvariationen, die in fis-Moll bleiben und von Satz zu Satz schneller werden; Charaktervariationen mit anderen Tonarten, Tempi und Lautstärken; „Promenaden“, in denen die Form des Themas sich auflöst und einzelne Motive als Zwischenspiele oder Echos frei fortgesponnen werden; und „Kontraste“, in denen das Material so verändert wird, dass das Thema nahezu verschwindet.
Tankes beide Wind-Fantasien sind Episoden über das historische und das im hörbaren Moment geschehende Atmen der Orgel — über den „Wind“, die vom Blasebalg den Pfeifen zugeführte Luft, ohne die kein Ton entsteht. So erzählen die Stücke zugleich vom Werden der Orgel, von ihren akustischen Voraussetzungen und ihren archetypischen Klangbildern. Fricke hört darin eine Prägnanz und akustische Plastizität, die besonders in der Surround-Fassung ein geradezu körperliches Hören hervorrufen: die Orgel als weit atmender Klangraum, als Musik gewordener Wind. Seinen Zyklus Imaginary Day — 21 Fantasien für Orgel hatte Tanke 2005 bereits für Cybele eingespielt.
Willem Tanke, 1959 geboren, studierte Orgel und Improvisation bei Jan Welmers, Musiktheorie bei Joep Straesser und elektronische Musik bei Ton Bruynel am Konservatorium in Utrecht und schloss 1985 mit dem Orgel-Konzertexamen mit Auszeichnung ab. Für seine Konzerttätigkeit hat er sich auf Messiaen, die großen Werke Regers, zeitgenössische niederländische Musik und Improvisation spezialisiert; 1994 führte er sämtliche Orgelwerke Messiaens in Haarlem und in Mexiko auf, und seine Gesamteinspielung auf acht CDs wählte die Zeitschrift The Organ zur „Star Recording“. Von 1988 bis 2000 hatte er eine Professur für Orgel in Utrecht inne. Regers Variationen wurden am 7. Juni 2003 in Haarlem aufgenommen, die Wind-Fantasien am 21. Februar 2003 in Rotterdam, in 24 bit und 96 kHz; die Hybrid-SACD spielt 72:15.
