Wenn ein Komponist für „sein“ Instrument schreibt, erwartet man, dass er dessen spieltechnische Möglichkeiten auf höchst virtuose Weise ausreizt — man denke an Liszt am Klavier oder an Messiaen an der Orgel. Wer sich unter dieser Erwartung Denhoffs Cellowerken nähert, wird sie nicht erfüllt finden: Fragile Klanggestalten, schattenhaft Angedeutetes, introvertierte Nachdenklichkeit und eine irritierend schlichte Transparenz des Satzes sind hier die Kennzeichen. Sie fordern genaues Hinhören — und dann zeigt sich doch eine eigene Virtuosität im Umgang mit den Klangmöglichkeiten des Instruments, wie sie nur von jemandem stammen kann, der es auch praktisch genau kennt.
Im Werkverzeichnis Denhoffs spielt das eigene Instrument lange nicht die Hauptrolle — die gehört eher dem Klavier. Doch seit dem Sommer 1996 entstand in dichter Folge eine Reihe von Duos, die mit … as when no words op. 77 beginnt. Dahinter steht Samuel Becketts später Prosatext Worstward Ho: Kaum ein anderes Buch habe ihn in jenen Jahren so gefangen genommen, schreibt Denhoff — die verwirrende Schönheit und Musikalität der Worte, die wie so oft bei Beckett das Scheitern thematisieren, habe seine Arbeit auf nicht benennbare Art verändert. In nur fünf Tagen im August 1996 geschrieben, ist das Stück variabel angelegt: Es kann als reines Klavierstück erklingen oder mit einer zusätzlichen Cellostimme, wobei der Cellist in einem Nebenraum oder hinter dem Publikum möglichst weit entfernt vom Pianisten postiert ist. Beide Musiker können an einigen Stellen Textfragmente aus Worstward Ho im Rhythmus der Noten dazusprechen; die Worte haben sich dabei wie eine Klangfarbe der Musik unterzuordnen. Aus dreißig teils kürzesten Einheiten bestehend, ist die Musik mehrfach mit sich selbst verschachtelt — andeutend, kommentierend, variierend, sich entfaltend und sich selbst zersetzend.
In Unreceding on op. 83e, dem fünften „Nebenweg“ aus dem abendfüllenden Klavierquintett Hauptweg und Nebenwege, stehen literarische Zitate zwischen den Noten — nur für die ausführenden Musiker lesbar, „auf die sie einwirkten“, wie Denhoff schreibt. Es sind Worte von Hölderlin, Celan, Kafka, Ungaretti, Heine und wieder Beckett, die Spuren in der Musik hinterlassen und die poetische Stimmung des Stücks einfärben. Der Titel des Quintetts verweist bewusst auf das berühmte Bild von Paul Klee.
Trace d’Etoile op. 87 ist eine Hommage an den luxemburgischen Bildhauer Lucien Wercollier, dessen Werken Denhoff bei einem Besuch begegnete. Eine Skulptur, schrieb er zur Uraufführung, akzentuiert den sie umgebenden Raum, wie Klänge die Luft in Schwingung versetzen. Das Stück nutzt das Mitschwingen der Resonanzsaiten der Campanula — eines neu entwickelten, cellähnlichen Streichinstruments mit sechzehn Resonanzsaiten des Instrumentenbauers Helmut Bleffert. Durch die vorgeschriebene Skordatur und die Beschränkung auf die Saiten im Pizzicato und ihre natürlichen Obertöne im Arco entsteht eine in sich geschlossene Harmonik, auf die sich wie ein dialogisierendes Echo auch das Klavier beschränkt; beide Instrumente verschmelzen dabei auf verblüffende Weise. Sobre tantas cuerdas op. 72a, 2003 entstanden, ist die eigenständige Alternativfassung von Circula el tiempo op. 72 für Campanulen.
Die Sieben Bagatellen op. 92 schrieb Denhoff zwischen dem 8. und 13. März 2001. Der entscheidende Impuls kam von einem Konzert, in dem er erstmals neue Solostücke von György Kurtag hörte, gespielt vom ungarischen Cellisten Miklos Perényi, dessen uneitles, ganz auf die Sache konzentriertes Spiel ihn zutiefst beeindruckte. Die dritte Bagatelle ist Perényi gewidmet; ihre schnellen absteigenden, schattenhaft flüchtigen Passagen erinnern fast wie eine Huldigung an Kurtags Solostück „Schatten“, und auch der Hoteldämpfer, der dem Celloklang ein fahles Timbre gibt, scheint dort entlehnt. Die anderen Bagatellen richten sich an seine Lehrer Siegfried Palm und Erling Blöndal Bengtsson und an Cellisten, die er bewundert oder mit denen er befreundet ist — kleine klingende Grußkarten, die an Kurtags „Messages“ erinnern. Aufgenommen wurde am 28. und 29. September 2003 auf Burg Langendorf; die Hybrid-SACD spielt 70:46 in Stereo und 5.1 Surround.
