Lebe glücklich — diesen Imperativ würde wohl jeder gern befolgen, doch das Glück, schreiben die beiden Musiker im Begleitheft, scheint eine sehr unabhängige und wanderlustige Geliebte zu sein. Beschwingte Momente des Tanzens, Genießens und Feierns sind jedenfalls oft mit Musik verbunden, die diese Atmosphäre wie eine Essenz in sich trägt. Besonders im Mittelmeerraum sind zu allen Zeiten die Modelle leidenschaftlicher Tänze und Volksmelodien in die Kunstmusik eingeflossen — und haben, wie im Fall der berühmten Follia, zum Teil weltweite Verbreitung gefunden. Musik, die dieses Lebensgefühl trägt oder auf Themen der Volks- und Tanzmusik Spaniens, Italiens und Dalmatiens beruht, macht den überwiegenden Teil des Programms aus.
Gleich drei Follia-Fassungen stehen nebeneinander: Bernardo Pasquinis beschwingte Partite sopra la Aria della Follia da Espagna, ursprünglich für Cembalo, in der von den späteren Ausdeutungen noch nichts zu spüren ist; Alessandro Scarlattis phantasievolle Variazioni sulla Follia di Spagna; und Arcangelo Corellis La Follia, inzwischen ein Klassiker der Blockflötenliteratur, obwohl das Stück ursprünglich für die Geige komponiert und in den Violinsonaten op. 5 gedruckt wurde — seine umfangreichen Variationen schöpfen alle Möglichkeiten der barocken Violine aus, bis hin zu Akkordbrechungen und Doppelgriffen.
Die Kunst der Verzierung ist das zweite Thema. Aus Improvisationen und „Cover-Versionen“ der Hits des 16. Jahrhunderts entstanden oft eigenständige Werke, die die Vorlage in neuem Licht erscheinen lassen — etwa Francesco Rognonis Diminution über Palestrinas Madrigal Vestiva i colli oder Diego Ortiz’ Recercada über Sandrins Doulce memoire. Zwischen spanischen und italienischen Verzierungstechniken zeigen sich dabei charakteristische Unterschiede, etwa in der Behandlung von Trillern und Vorschlägen, aber ebenso viele Gemeinsamkeiten. Aus dem Codex Faenza des 15. Jahrhunderts stehen zwei Stücke nebeneinander, die diesen Gegensatz hörbar machen: das virtuose, weltliche Aquila altera und das ruhigere Ave Maris Stella über der Marienantiphon.
Spanien ist mit der Orgelmusik Antonio de Cabezons und Francisco Correa de Arauxos vertreten, darunter ein Tiento de medio registro auf geteilter Klaviatur. Auch Domenico Scarlatti gehört hierher: Er verbrachte einen wichtigen Teil seines Lebens am spanischen Hof, studierte die dortige Volksmusik eingehend und verarbeitete ihre Melodien und Rhythmen in seinen Cembalosonaten — man kann ihn, obwohl die Musikgeschichtsschreibung ihn zum italienischen Hochbarock zählt, durchaus als spanischen Komponisten bezeichnen. Gian Paolo Cimas Sonate in d ist eine der frühesten bekannten Instrumentalsonaten des beginnenden 17. Jahrhunderts.
Ein besonderes Bonbon sind die Frottolen des um 1470 in Montona in Istrien geborenen Andrea Antico da Montona. Der Begriff bezeichnete um 1500 Gesangsstücke mit weltlichen, meist heiteren Liebesgedichten, zweiteilig und einfach gebaut, oft mit Tonrepetitionen — und in vielerlei Fassungen denkbar, mit mehreren Sängern, gemischt oder, wie hier, rein instrumental; das Regalregister der Orgel erinnert dabei an die Zungenregister und Doppelrohrblattinstrumente der Renaissance. Jeremias Schwarzer, geboren 1969 und seit zwei ersten Preisen beim Internationalen Blockflötenwettbewerb Calw 1992 einer der führenden Blockflötisten seiner Generation, arbeitet seit 1992 eng mit dem Cembalisten Egon Mihajlovic zusammen; 1999 gründete er das Barockensemble Vivi Felice. Aufgenommen wurde vom 12. bis 15. Juni 2001 in der Evangelisch-Lutherischen Kirche St. Georg in Wendelstein; die CD spielt 58:32.
