Das Märchen vom Machandelboom kannte Rolf Riehm seit seiner Kindheit, hatte es aber immer übersprungen. In einem Gespräch mit Wolfgang Hamm von 1983, das im Begleitheft abgedruckt ist, erklärt er, was ihn daran reizte: die Zuspitzung von Gewalt in persönlichen Beziehungen, offen und unsentimental dargestellt. Er zog Verbindungen zur politischen Gegenwart, zu Reagans Begründungen seiner Rüstungsmaßnahmen und zu den Szenen mit dem „Vater der Neutronenbombe“ in einem Film von Alexander Kluge; für ihn gibt das Märchen geschichtliche Erfahrung wieder. Die Stiefmutter tötet den Sohn und kocht ihn in einer Suppe, die der Vater isst; der Bruder kehrt als Vogel wieder und rächt den Mord. Riehm liest das Märchen auch als Frauendrama: Als zweite Frau war die Stiefmutter finanziell schlecht gestellt und wollte das Erbe des Sohnes ihrer leiblichen Tochter sichern.
Statt eines einzelnen Erzählers, der eine geschlossene, beruhigende Atmosphäre schaffen würde, verteilt Riehm den Text auf viele Stimmen, junge und alte, laienhafte und professionelle; bis auf zwei Ausnahmen wiederholt sich keine. Die Vielzahl soll die Hörer desorientieren und ihnen das Märchen „auf den Leib“ rücken. Jedem Sprecher erzählte Riehm das ganze Märchen, sodass vieles aus dem Verständnis der Mitwirkenden selbst entstand. Die Aufnahmen machte er teils im Studio, vielfach an anderen Orten und mit zufällig unzulänglichen Geräten, deren Spuren er stehen ließ. Unter den Stimmen sind neben Einzelnen Oberstufenschülerinnen der Ziehenschule und Frauen des Kirchenchores St. Bernhard in Frankfurt am Main. Anders als Märchen sonst soll dieses nicht versöhnlich zum Ausgangspunkt zurückkehren, sondern an jeder Stelle offen bleiben.
Auch bei den Klängen suchte Riehm das nicht genau Einzuordnende. Neben Saxophonen und Klarinetten (Alfred Harth), E- und Akustikgitarre und Violoncello (Heiner Goebbels), E-Gitarre und Drums (Christoph Anders), Harfe (Karin Franke) und Orgel (Karl Riehm) spielt er selbst Englischhorn, E-Orgel, Cembalo, Kontrabass, Synthesizer, Rhythmusmaschine, Melodika, Spielzeuginstrumente und Glocken und erzeugt Geräusche mit Türen, Büchsen, Besteck, Backsteinen, einer elektrischen Zahnbürste, einer Flotten Lotte oder einem Locher. Die Klänge wählte er für jede Szene einzeln aus, sodass zwischen Instrumenten und Geräuschen kein Bruch entsteht, und mied bewusst jede musikalische Systematik: Free-Jazz-Elemente, Synthesizerklänge und zwölftönige Momente stehen nebeneinander. Im Zentrum steht das Lied des Vogels, durch das die verabscheuungswürdige Tötungsgeschichte, so Riehm, ein neues Wesen gewinnt: Man wird von ihr bezaubert.
Rolf Riehm, 1937 in Saarbrücken geboren, studierte ab 1958 Komposition bei Wolfgang Fortner in Freiburg, war Solo-Oboist und lehrte von 1974 bis 2000 Komposition und Tonsatz an der Musikhochschule Frankfurt am Main; von 1976 bis 1981 spielte er im Sogenannten Linksradikalen Blasorchester. Die Produktion des WDR entstand von Februar bis Oktober 1982, Produktion und Realisation lagen bei Riehm selbst, Toningenieur war Otto Fries. Neben dem Gespräch mit Wolfgang Hamm enthält das Begleitheft einen Essay von Bernd Leukert und den Text der 14 Szenen auf Deutsch und Englisch.
