Als das Historische Museum Rotterdam seine Ausstellung über die Geschichte der Stadt zusammenstellte, stand für Jacques Börger und Paul van de Laar von Anfang an fest, dass Musik ein Bestandteil sein musste: Klänge sind im kollektiven Gedächtnis mindestens so wichtig wie Bilder und Texte. Die Ausstellung wurde als Regie-Theater gestaltet, in dem Objekte, Fotos, Filmfragmente, gesprochene Zitate und Musik eine Einheit bilden. Die Frage nach einer „Sinfonie der Stadt“ stieß bei Oscar van Dillen auf großes Interesse; er war schnell und klar in der Wahl von Instrumentation und Ensemble, sprach von Spannungsbogen und Klangfarben und legte seine Partitur genau zum vereinbarten Termin vor. Der Titel de Stad verweist auf eine wichtige Inspirationsquelle der Ausstellung: das Buch Stad von Ben Stroman.
Die Geschichte, die dort erzählt wird, beginnt 1880, in dem Moment, als die Ausdehnung der Stadt geplant wurde — das sollte auf die Besucher wie ein Vivace wirken. Das Wachstum von Stadt und Hafen zieht Menschen aus dem Süden der Niederlande an: ein Chor von Dialekten. Mit der Eröffnung der Passage 1879 kommt die Kultur des Konsums, und die Klänge eines Unterhaltungsorchesters locken die Leute. Der Bau des neuen Stadthauses am Coolsingel bedeutet das Ende der folkloristischen Musik aus den Kneipen des Zandstraat-Viertels, die Sänger wie Louis Davids und Koos Speenhoff zu ihren populären Liedern angeregt hatte.
Auf dem Coolsingel erklingt das rhythmische Gerüttel der Schreibmaschinen und Telegrafen aus den neuen Büros, unterbrochen vom Schellen der Straßenbahnen; um den Hofplein herum swingen die Rhythmen der Vergnügungen. All dem wird ein plötzliches Halt zugerufen: das Pfeifen und Dröhnen des Bombardements, das Knistern der Brände, ein Requiem über die Trübheit dieser Periode. Nach dem Krieg dröhnen sofort die Maschinen des Wiederaufbaus. Die Musik sorgt nicht nur dafür, dass die Geschichte der Ausstellung besser im Gedächtnis haften bleibt, schreiben die Kuratoren; sie erzählt die Geschichte Rotterdams auch mit einer ganz eigenen Ordnung und Dynamik.
Van Dillen selbst beschreibt die Stadt als Stätte der Hoffnung, der Vielfalt und des Widerspruchs, der kollektiven Einsamkeit, der Armut und des Luxus, der Kultur, des Lärms und der Nachthelle — ein Dickicht, historisch, architektonisch, infrastrukturell, sozial, ökonomisch, kulturell, kaum entwirrbar und aufgeladen von Geschichte und Geschichten. Sie steht nie still, sie wächst Schicht um Schicht, in die Höhe, in die Tiefe, in alle Himmelsrichtungen; die Stadtmauern von einst bilden längst keine Grenzen mehr, ebenso wenig die natürlichen Barrieren. Städte, schreibt er, sind wie Partituren: Sie borden über von Details und Zusammenhängen, manches erschließt sich sofort, vieles bleibt verborgen und setzt sich erst nach langer, genauer Analyse frei.
Die Ensemblefassung von de Stad dauert 44:23 und ist in sechs Teile gegliedert; besetzt ist sie mit Bass- und Kontrabassklarinette, Bassposaune, Perkussion, Akkordeon, Klavier, Violine, Viola, Violoncello und Kontrabass. Das Ensemble gelberklang spielt unter der Leitung des Komponisten; aufgenommen wurde am 3. und 4. Juli 2003 im Theater an der Halle in Ostfildern-Nellingen. Es folgt Stadsgeschiedenis, die dreißigminütige elektroakustische Montage desselben Materials, die für die multimediale Ausstellung im Historischen Museum Rotterdam entstand. Die Hybrid-SACD spielt 74:23 in Stereo und 5.1 Surround; das Begleitheft umfasst 36 Seiten in Deutsch und Englisch mit niederländischen Erläuterungen. Die Produktion wurde von Royal Philips Electronics unterstützt.
