Wer vermag nach Beethoven noch etwas zu machen — der resignierte Satz stammt von Franz Schubert. Zu vollkommen war in Beethovens Werken die Übereinstimmung von Inhalt und Form, als dass man den überlieferten Gattungskanon einfach hätte fortschreiben können. Eine neue Perspektive bot der vor allem von Berlioz vorangetriebene Ansatz, statt absoluter Musik Programmmusik zu schreiben, also außermusikalische Gedanken in die Komposition und ihren formalen Ablauf einzubeziehen. Auch der junge Liszt gab früh die Hoffnung auf, auf den von Riesen gemähten Feldern noch Ernte einsammeln zu können, und wurde ein begeisterter Anhänger dieser Richtung — mit einer Vorstellung von programmatischer Musik, die sich von der des Schöpfers der Symphonie fantastique durchaus unterschied.
Das zweite Jahr der Années de pèlerinage führt nach Italien und nimmt seine Anregungen aus der bildenden Kunst und der Dichtung. Raffaels Darstellung der Vermählung Mariens gab den Anstoß zum Sposalizio. In Florenz sah Liszt in der Medici-Kapelle die Skulpturen Michelangelos; vom Bildnis Lorenzo de Medicis auf dessen Grabmal und von der Nacht war er so ergriffen, dass er zwei Kompositionen darüber schrieb, Il Penseroso und La notte, denen dasselbe musikalische Material zugrunde liegt. Auf Liszts Wunsch zierte die Statue Lorenzos zusammen mit einem Gedicht Michelangelos das Titelblatt der Erstausgabe.
Il Penseroso steht in cis-Moll — seit Beethovens sogenannter Mondschein-Sonate, deren ersten Satz er am Totenbett eines Freundes improvisiert haben soll, eine der typischen Tonarten des Trauermarschs. Es folgen die Canzonetta del Salvator Rosa und die drei Petrarca-Sonette, ursprünglich Lieder, und schließlich die Fantasia quasi Sonata Après une lecture du Dante, mit fast zwanzig Minuten das Hauptstück des Zyklus. Das späte La notte, dem Il Penseroso zugrunde liegt, schließt das Programm.
Gespielt wird auf einem Instrument mit Liszt-Geschichte. Eduard Steingraeber betreute seit den 1840er Jahren die Flügel des Meisters in dessen Konzerten und musste in den Pausen neue Saiten aufziehen, wenn sie der Kraft des jungen Klavierrevolutionärs nicht standhielten. 1873 baute er den hier gespielten Flügel, dessen Gehäuse dem Rokokostil des Konzertsaals im Bayreuther Steingraeber-Haus angepasst wurde: für seine Zeit hochmodern, mit Vollgussplatte, entsprechend starken Saiten und Repetitionsmechanik. Während seiner zahlreichen Aufenthalte in Bayreuth spielte Liszt auf diesem Instrument.
Aufgenommen wurde am 2. April 2000 und vom 2. bis 5. April 2002 in der Himmelfahrtskirche in München-Sendling. Die Hybrid-SACD spielt 71:40 in Stereo und 5.1 Surround; das Begleitheft umfasst 32 Seiten in Deutsch und Englisch.
