Nach ihrer Tätigkeit als Mitarbeiter Karlheinz Stockhausens auf der Expo in Osaka gründeten David Johnson, Rolf Gehlhaar und Johannes Fritsch 1970 in Köln das Feedback Studio als unabhängiges, privates elektronisches Studio; bald danach riefen Fritsch und Gehlhaar den Feedback Studio Verlag ins Leben, den ersten deutschen Komponistenverlag. Mit dem in Osaka verdienten Geld kauften die jungen Komponisten die Grundausstattung des Studios und einen VCS 3-Synthesizer der Electronic Music Studios London, der Klangerzeugung und Klangverarbeitung eines elektronischen Studios in einem Gerät vereinte; mit ihm wird die Ringmodulation in „Violectra“ geschaltet. Die Uraufführung am 21. Mai 1971 hatte Christof Bitter, damals Leiter der Abteilung Neue Musik des Saarländischen Rundfunks, bei seinem Festival „Musik im 20. Jahrhundert“ ermöglicht, in einem Gastkonzert des Feedback Studios mit Werken von Rolf Gehlhaar und Michael von Biel.
Fritsch, 1941 in Bensheim-Auerbach geboren, hatte in Köln unter anderem Viola und bei Bernd Alois Zimmermann Komposition studiert und gehörte von 1964 bis 1970 dem Stockhausen-Ensemble an; 1984 wurde er Professor für Komposition an der Kölner Musikhochschule. Das Programmheft der Uraufführung beschreibt „Violectra“ als seine dritte Arbeit nach dem „Duett für Bratsche“ (1962) und der „Partita“ für Viola, Kontaktmikrophone, Magnetophone, Filter und Regler (1966), in der kontrollierte Improvisation auf der Bratsche einem komplizierten technischen Vermittlungssystem gegenübergestellt wird. Die Bratsche ist in diesem Fall eine sechssaitige Viola d’amore mit sechs Resonanzsaiten aus dem frühen 19. Jahrhundert, die Fritsch bei einem Kölner Geigenbauer entdeckt hatte.
Nur die erste Fassung, 1971 im Feedback Studio mit David Johnson am Synthesizer produziert, ist aus mehreren Teilen zusammengeschnitten; alle übrigen sind Konzertmitschnitte. Auf der ersten CD folgen eine Hinterhausmusik des Feedback Studios von 1980, ein Konzert im New Yorker Loft von Phil Niblock (Experimental Intermedia) von 1993 und eine Veranstaltung des Feedback Studios in Stockholm von 1999, auf der zweiten Fassungen aus der Stuttgarter Musikhochschule 1981, von einer Kölner Hinterhausmusik 1982 und aus einem Konzert in Osaka 1987. Meist sitzt der Solist zwischen zwei Mikrofonen: Das eine überträgt den natürlichen Klang der Viola d’amore, das andere leitet ihn in den Synthesizer, wo er mit einer Sinusschwingung auf einem mittleren Grundton des Instruments ringmoduliert wird; in einigen Fassungen kommt eine Zeitverzögerung über Tonbandgeräte hinzu.
Allen Fassungen gemeinsam ist die Tonalität, die aus der grundtönigen Stimmung des Instruments (c-g-c’-c’-g’-c’’) und der Ringmodulation mit dem Grundton entsteht, ebenso die periodische Rhythmik und eine eher zyklische als gerichtete Form. Pizzicato, Flageolett, Ponticello und Col legno formen die Klangfarben, und manche längere Version dauert so lange, wie die Kraft der rechten Hand reicht. In den Fassungen mit Delay, etwa Köln 1982 und Osaka 1987 mit einer Verzögerung von rund vier Sekunden über zwei Tonbandgeräte, entstehen minimalistische Überlagerungen. Ob die Aufnahmen „Violectra“ als ein Stück erscheinen lassen oder jede Version für sich steht, lässt der Begleittext des Feedback Studio Verlags bewusst offen.
