Cadenza con ostinati; B-A-C-H; Dies irae; Feuertaufe; Bremer Dom-Musik; Strophen; Sonido Iberico; Sense of Rhythm; Moving Colours; Mors et vita. Das Doppelalbum zeichnet Szathmárys Orgeldenken von 1988 bis 2015 nach. Soloorgel, Violine, Schlagzeug, Tonband und zwei Orgeln erweitern das Instrument in wechselnde Richtungen. B-A-C-H, Dies irae, iberische Klangvorstellungen, Rhythmus und die Polarität von Tod und Leben werden zu Ausgangspunkten einer farbintensiven, körperlich präsenten Moderne.
Die Orgel erscheint hier nicht als bloßes Traditionsinstrument, sondern als Labor für Klang, Zeit und Raum. Registerfarben, mechanische Geräusche, räumlich getrennte Klangquellen und die spezifische Akustik des Aufnahmeortes werden zu kompositorischen Parametern. Gerade die Verbindung aus präziser Notation und improvisatorischem Denken eröffnet Hörperspektiven, die weit über das gewohnte Orgelrepertoire hinausreichen.
Die Aufnahme legt Wert auf Transparenz und räumliche Differenzierung. Feine Einzelstimmen bleiben ebenso präsent wie großflächige Verdichtungen; abrupte Gesten, lange Nachklänge und leise Übergänge behalten ihre dramaturgische Funktion. Dadurch lässt sich die Musik sowohl als Abfolge charakteristischer Klangbilder als auch als sorgfältig gebauter formaler Prozess erleben.
Historische Formmodelle und gegenwärtige Spieltechniken begegnen sich dabei auf Augenhöhe. Choral, Passacaglia, Fantasie oder Meditation werden nicht zitiert, um Vertrautheit zu erzeugen, sondern als offene Denkformen weitergeführt. Das macht die Programme auch für Hörerinnen und Hörer zugänglich, die Neue Musik über konkrete Klangfarben, erkennbare Gesten und die sinnliche Präsenz des Instruments entdecken möchten.
Interpretation und Instrumentarium sind für dieses Programm entscheidend: Martin Schmeding, Zsigmond Szathmáry, Wolfgang Kogert, Anikó Katharina Szathmáry und Olaf Tzschoppe – Rieger-, Walcker- und Klais-Orgeln. Die spezifischen Register, Spielweisen und räumlichen Gegebenheiten prägen Artikulation und Dramaturgie. Historische Instrumente werden dabei nicht museal behandelt, sondern als lebendige Klangkörper, deren Eigenarten neue Musik und Improvisation unmittelbar inspirieren.
Das ausführliche Booklet ordnet Werke, Entstehungszusammenhänge und Aufnahmesituation ein. So entsteht ein Album, das gleichermaßen als konzentriertes Werkporträt und als Einladung zum entdeckenden Hören funktioniert. Die sorgfältige Produktion bewahrt dynamische Extreme, Nachhall und feine Farbübergänge und macht die Wechselwirkung von Komposition, Interpretation und Raum nachvollziehbar.
