Zsigmond Szathmary, 1939 in Ungarn geboren, verbindet in einer Person, was seit dem 19. Jahrhundert meist getrennt ist: Komponist, Interpret und Improvisator. In der Kompositionsklasse des Kodaly-Schülers Ferenc Szabo — Mitstudent war unter anderem Peter Eötvös — prägten ihn die rhythmisch betonte Musiksprache, die Volksmusiktraditionen und die Harmonik Bela Bartoks. Nach der Emigration in den Westen lernte er im Unterricht bei Karlheinz Stockhausen und in der Zusammenarbeit mit György Ligeti die Avantgarde kennen. Als Organist folgte er in Hamburg-Wellingsbüttel auf Gerd Zacher, richtete als Bremer Domorganist die Reihe Forum Bremer Dom ein und gab sein Wissen ab 1978 als Orgelprofessor in Freiburg weiter. Martin Schmeding, der neun der zehn Stücke spielt, beschreibt Szathmarys Musik als „work in progress“: Die Arbeit an einem Werk sei nie beendet, jeder Raum und jedes Instrument verlange neue Ideen.
B-A-C-H „Hommage à…“ (1994) verweigert sich der langen Reihe von Orgelwerken über das Namensmotiv. Szathmary schreibt eine virtuose Toccatenfantasie in der Nachfolge von Buxtehude, Bruhns und Bachs Fantasie in g-Moll BWV 542, in der die vier Töne vor allem Klangräume definieren; die Hommage meint nicht das Zitat, sondern den kompositorischen Gestus — Polyphonie, Kanon, Dreiteiligkeit. Cadenza con ostinati (1994) für Violine und Orgel, für seine Tochter Aniko und den Organisten Andreas Jacob geschrieben, kehrt die Rollenverteilung des 19. Jahrhunderts um: Beide Instrumente sind gleichberechtigt, über einer repetierten Pedalposaune werfen sie einander Motive zu, bis drei übereinandergeschichtete Ostinati jäh abbrechen. Feuertaufe (2004) entstand für das Orgelfestival San Sebastian und dessen Cavaillé-Coll-Orgel mit ihren brillanten Zungen — daher der doppelte Sinn des Titels, den Szathmary erst nach der Komposition fand. Er sieht das Stück als fünfteilige Toccata in norddeutscher Tradition, allerdings ohne Fugen; jede kontrastierende Registrierung erhält ein eigenes Notensystem.
Zwei Werke sind im Duo mit dem Schlagzeuger Olaf Tzschoppe entstanden. Sense of Rhythm (2011) beschreibt Szathmary als Komposition über das musikalische Kommunizieren: Gemeinsames Musizieren sei wie ein Gespräch, ein Streit, eine Versöhnung. Dies irae – Tage des Zorns (2015) ist ein Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 70. Jahrestag; Orgel und Schlagzeug können räumlich getrennt stehen. Gleich zu Beginn wächst eine Sirene eine Minute lang aus tiefster Zartheit zu größter Lautstärke, und die Röhrenglocken erinnern an das Alarmläuten im Feuersturm — einer der seltenen direkten Bezüge in Szathmarys Werken. Bremer Dom-Musik (2013) schrieb er für die 3000. Motette im Bremer Dom und dessen beide Hauptorgeln, die romantische Sauer-Orgel auf der Westempore und die neobarocke Bach-Orgel von Van Vulpen im Querschiff; hier spielen Martin Schmeding und Wolfgang Kogert an der Walcker- und der Klais-Orgel der Wiesbadener Lutherkirche.
Strophen (1988, revidiert 2001) stellt dem Orgelklang ein Tonband gegenüber, das bearbeitete Orgelklänge, Cembalo, Klavier, japanische Koto, Geräusche wie Styropor und elektronisch erzeugte Klänge enthält. Der Anstoß kam aus einem Konzert, das Szathmary im Inneren einer Orgel verbrachte, um einem Kollegen bei mechanischen Störungen zu helfen: Er hörte das Klappern der Traktur und das Schlagen des Tremulanten. Das Motto stammt aus einem ungarischen Volkslied, das in der achten von 10+1 Strophen verfremdet erklingt. Sonido Iberico (2014) entstand für die von Joaquin Lois gebaute Kopie einer spanischen Barockorgel an der Hochschule für Musik Mainz, nach dem Vorbild der Batalha de 6o Tom von Pedro de Araujo; Szathmary übernimmt Farb- und Formkonzeptionen, sucht aber vor allem den iberischen Ton und den Battaglia-Charakter. Moving Colours (2006), Auftragswerk des Internationalen Orgelwettbewerbs Schramberg, ist dagegen für die hochromantische Walcker-Orgel von 1844 geschrieben; schnellstmögliche Tonrepetitionen verwandeln liegende Töne in bewegte Flächen, und wiederkehrende Registerkombinationen geben dem Titel seinen Sinn.
Am Ende steht Mors et vita (2015), inspiriert von der dritten Strophe der Ostersequenz Victimae paschali laudes, deren deutsche Fassung Christ ist erstanden zu den ältesten Kirchenliedern gehört: Tod und Leben rangen miteinander, der Fürst des Lebens herrscht lebend. Sekundwechselnote und Terzsprung des Melodiebeginns werden zum melodischen und harmonischen Material, jäh auffahrende Linien und hart akzentuierte Schläge lassen an das Zerbrechen des Grabsteins denken. Das Stück wurde zum Requiem und zur Hommage an Szathmarys 2016 gestorbene Frau Ai, die ihn über fünfzig Jahre begleitet hat und der er diese Sammlung seiner Orgelwerke widmet — er spielt es selbst. Aufgenommen wurde im Herbst 2018 in der Abtei Marienstatt und in der Lutherkirche Wiesbaden; der Komponist war die ganze Zeit dabei.
