Wolfgang Rihm lässt sich weder einordnen noch festlegen, schreibt Mirjam Wiesemann im Begleitheft — nicht als Mensch und erst recht nicht als Komponist. Im Gespräch sagt er, verschmitzt lächelnd: Man kann, was ich mache, benennen wie man will, man kriegt es doch nicht in den Griff. Krieg ja nicht mal ich… Die Zuordnung einer seiner Schaffensphasen zur „Neuen Einfachheit“ nennt er eine Fehlinterpretation, einen journalistischen Lapsus. Wichtiger als die Benennbarkeit ist ihm der Wunsch, etwas zu erreichen, von dem er noch nichts weiß. Auch seine Briefe schreibt er mit der Hand: eine Art Physis, die gleichzeitig aus dem Finger und dem Schreibgerät den Gedanken als Linie entlässt.
Der Ausgangspunkt seines Schaffens war von Anfang an die Lust am Spiel. In den 1960er Jahren begann er in seiner Heimatstadt Karlsruhe, nachts stundenlang an verschiedenen Orgeln zu improvisieren — keine Kopfgeburten, sondern sehr sensuelle Früchte. Die Orgel war, wie er im Gespräch sagt, das einzige Instrument, zu dem er Zugang hatte und an dem er so etwas wie großen Klang erzeugen konnte. Komponiert hat er von seinem elften Lebensjahr an. Dass er nicht aus einem Künstlerhaushalt stammt, empfindet er als Glück: Ich hatte nicht irgendwelche Vorgaben oder Maßgaben, sondern ich konnte Wildwuchs werden. Dass er dabei die Schule vernachlässigte und zweimal sitzenblieb, erklärt er knapp: Ich hatte wenig Zeit für die Schule, ich hatte zu tun.
Aus dieser Zeit stammt der größte Teil der Musik dieser Edition. Die Werke von 1966 bis 1972 — Praeludien, Fantasien, Choralvorspiele, Meditationen, die fünf Orgelstücke PIETÀ, die 5 Betrachtungen über die Pietà, Sinfoniae I (Missa), Parusie, Kyrie und Gloria, die Toccata mit Fuge in c-Moll und Postludium — sind Jugendwerke eines Komponisten zwischen vierzehn und zwanzig Jahren, und zwei Drittel der hier eingespielten Orgelwerke erscheinen erstmals auf Tonträger. Dazu kommen drei spätere Stücke: Clamatio für Orgel und Beiklänge (1971-1972) mit Violine, Posaune, Violoncello, Schlagzeug, zwei Blockflöten und Mitgliedern des Stephanus-Consort Karlsruhe, Siebengestalt für Orgel und Tam-Tam (1974) und Bann, Nachtschwärmerei (1980).
Im Februar 2018 hörte Wolfgang Rihm diese Jugendwerke in St. Stephan, dem Originalschauplatz ihres Entstehens, erstmals seit Jahrzehnten und teilweise überhaupt zum ersten Mal — während der Probenarbeit mit Martin Schmeding. Der Organist, der Rihms Orgelwerk erschlossen hat, bringt es im Gespräch mit Mirjam Wiesemann auf den Punkt: So einen weißen Fleck auf der Orgellandkarte zu entdecken ist sehr schön. Die beiden Gespräche führte Mirjam Wiesemann im Februar 2018, mit Wolfgang Rihm in dessen Karlsruher Wohnung zwischen einer Unmenge an Büchern, Noten und Tonträgern, mit Martin Schmeding auf der Orgelempore von St. Stephan. Rihm erzählt darin von seinen kompositorischen Anfängen, von einem herrlich unanständigen Musiklehrer und dessen Oratorienchor, von den Nächten an der Orgel und von Beruf und Privatleben, dem Thema dieses Jubiläumsbandes.
Den Schluss bilden bislang unveröffentlichte Improvisationen: Wolfgang Rihm an der 1965 von Wolfgang Scherpf gebauten Orgel der Pfarrkirche St. Peter und Paul in Karlsruhe-Durlach, um 1970 von ihm selbst auf einem Analogband mit 19 cm/s mitgeschnitten und 2019 in den Cybele Studios restauriert. Die Musikaufnahmen entstanden im Februar und November 2018 an der großen Klais-Orgel von St. Stephan. Die Edition stand auf der Bestenliste des Preises der deutschen Schallplattenkritik.
