Am Anfang des Begleithefts steht Charles Tournemires eigene Vorbemerkung zum Zyklus. Er beschreibt die 51 Offices von L’Orgue Mystique als Sammlung für das Kirchenjahr, gegliedert in die drei großen Zyklen Weihnachten, Ostern und die Zeit nach Pfingsten, und legt für jedes Office dieselbe Folge fest: Prélude à l’Introït, Offertoire, Elévation, Communion und Pièce terminale. Grundlage jedes Stücks ist der gregorianische Choral, den er frei paraphrasiert; seine Geschmeidigkeit und mystische Tiefe wollte er bewahren und die mittelalterlichen Melodiegirlanden mit den Mitteln der Polyphonie verbinden. Ermutigung fand er in der Abtei Solesmes, den Anstoß gab sein Freund, der Organist Joseph Bonnet. Obwohl vor allem für die Liturgie bestimmt, sollte die Musik auch im Konzert ihren Platz finden.
Die vier Offices dieses Bandes stammen aus zwei der drei Zyklen. Office No. 13 (La Sexagésime) für den Sonntag Sexagesima, datiert auf den 5. Dezember 1929, gehört zum Cycle de Pâques op. 56 und schließt mit einer Fresque. Die übrigen drei stehen im Cycle après la Pentecôte op. 57. Office No. 42 (La Nativité de la Vierge) zum Fest Mariä Geburt trägt das Datum 26. Mai 1930; seine Pièce terminale Prélude et Louanges ist mit elf Minuten das längste Stück der CD. Office No. 29 (IVe Dimanche après la Pentecôte) für den 4. Sonntag nach Pfingsten, datiert auf den 23. Dezember 1930, endet mit dem Alleluia N°.1. Office No. 51 (XXIIIe Dimanche après la Pentecôte) für den 23. Sonntag nach Pfingsten, das letzte des Zyklus, ist auf den 5. Februar 1932 datiert und schließt mit einer Fantaisie sur le Te Deum et Guirlandes Alleluiatiques.
Auf ausführliche Werkkommentare verzichtet das Heft bewusst, weil die Vielfalt der zugrunde liegenden Texte und Melodien diesen Rahmen sprengen würde. Es verweist stattdessen auf das Graduale Romanum, das Antiphonale Monasticum und Bernadette Lespinards Studie über L’Orgue Mystique von 1971; die Vertonungen seien alles andere als deskriptiv, sondern absolute Musik im wahrsten Sinne des Wortes. Erst nach 29 Jahren im Organistenamt, so die Einführung, wagte Tournemire, sechs Jahre in Abgeschiedenheit allein diesem Werk zu widmen, das an Umfang nur mit Johann Sebastian Bachs Kantatenwerk zu vergleichen sei. Tournemire, 1870 in Bordeaux geboren, war Schüler von César Franck und Charles-Marie Widor, seit 1898 Titularorganist an Sainte-Clotilde und seit 1919 Professor am Pariser Conservatoire; er starb 1939 in Arcachon.
Sandro R. Müller, 1955 in Wiesbaden geboren, studierte ab 1979 Orgel bei Gerd Zacher an der Folkwanghochschule Essen. Seit 1980 ist er Organist an der Alexander-Schuke-Orgel der Alten Reformierten Kirche in der Calvinstraße in Wuppertal-Elberfeld. Auf diesem Instrument von 1968 mit zwei Manualen und 27 Registern nahm er im Juli 1994 den ersten Band der Gesamteinspielung auf; die Mixturen und die Cymbel blieben dabei ungenutzt.
