Tournemire schrieb L’Orgue Mystique zwischen 1927 und 1932 für die sonn- und festtägliche Messe im römischen Ritus, in der die Schola das Proprium gregorianisch sang. Pater Laurentius M. Schlieker OSB beschreibt im Begleitheft, welchen Ort die fünf Stücke eines Office im Gottesdienst hatten: Das Prélude à l’Introït eröffnete die Feier als Intonation vor dem Introitus, das Offertoire folgte als Meditation auf den Gesang des Offertoriums, und die Elévation erklang mit leisen Registern zur Wandlung, auf Themen aus dem Stundengebet des Tages. Die Communion begleitete Kommunionausteilung und Stille, und nach dem Segen beschloss die Pièce terminale die Messe als groß angelegtes symphonisches Stück.
Office No. 26 (La Sainte Trinité), datiert auf den 5. Januar 1929, gehört zum Cycle après la Pentecôte op. 57; das Fest steht mit dem Bekenntnis zum dreieinigen Gott am Ende des Osterfestkreises. Im Prélude à l’Introït hält ein Pedalton auf G etwa 80 Sekunden an; Drei und Eins ziehen sich als Stilmittel durch alle Sätze. Das Triptyque, eine dreiteilige symphonische Dichtung über den Vesperhymnus „Iam sol recedit igneus“, die Antiphon „Benedicta sit“ und das „Te Deum“, kommt über weite Strecken ohne Vorzeichen aus. Office No. 15 (Laetare) vom 18. Januar 1930 aus dem Cycle de Pâques op. 56 gilt dem vierten Fastensonntag, an dem die Orgel ihr Schweigen unterbricht. Im Offertoire erklingt der Cantus firmus in raschen Tonwiederholungen wie ein Glockenspiel, und die Postlude Fantaisie über den Fastenhymnus „Audi benigne Conditor“ und die Antiphonen „Rabbi quid peccavit“ und „Cum sublevasset“ entfaltet sich aus einer einstimmigen Flötenmelodie über mehr als zwei Oktaven.
Die beiden Sonntagsoffices, ebenfalls aus dem Cycle après la Pentecôte, stammen aus den letzten Monaten des Jahres 1931. Office No. 47 (XXe Dimanche après la Pentecôte) vom 30. Dezember kreist um das Exil: Im Offertoire über „Super flumina Babylonis“ spielen beide Hände chromatisch aufeinander zu und überkreuzen sich. Der Choral Alléluiatique N°. 5 über das Graduale „Oculi omnium“ beginnt mit Zungenstimmen über Pedaltönen, die Schlieker an die ersten Herzschläge einer Wiederbelebung erinnern, und weitet sich zur Toccata mit Anklängen an das Halleluja der Osternacht. In Office No. 43 (XVIe Dimanche après la Pentecôte), datiert auf den 4. November, für den ersten Sonntag im Herbst, bleibt die Stimmung umwölkt; im Offertoire setzt zweimal ein dreistimmiger Kanon aus Labial- und Zungenstimmen ein. Erst der Choral Alléluiatique N°. 1 mit toccatenhaften Figuren über dem Cantus firmus im Pedal lichtet das Dunkel.
Sandro R. Müller nahm den fünften Band im Juli 1996 in der Liebfrauenkirche in Bottrop-Eigen auf; Registranten waren Christoph W. Schulte im Walde und Marco Juvinale. Die Orgel mit drei Manualen und Pedal wurde 1929 von Ernst Seifert Söhne gebaut; seit 1933 hat die Werkstatt von Ernst Weyland in Leverkusen-Opladen sie gepflegt und alle Umbauten vorgenommen.
