Charles Tournemires L’Orgue Mystique ist ein singuläres Monument der Orgelmusik des 20. Jahrhunderts. Zwischen 1927 und 1932 schuf der Organist von Sainte-Clotilde in Paris 51 Offices für Sonn- und Festtage des katholischen Kirchenjahres. Die Sammlung gliedert sich in Weihnachts-, Oster- und Pfingstzyklus. Jedes Office folgt mit Prélude à l’Introït, Offertoire, Elévation, Communion und Pièce terminale dem Ablauf der Messe.
Gregorianische Melodien sind das tragende Material. Tournemire zitiert sie jedoch nicht bloß, sondern paraphrasiert ihre Linien frei: modale Wendungen, schwebende Klangflächen, hochchromatische Verdichtungen und improvisatorisch wirkende Übergänge lassen aus dem alten Gesang eine unverwechselbar moderne Sprache entstehen. Die knappen Mittelsätze bewahren häufig einen intimen liturgischen Charakter, während die Schlussstücke Choral, Fantasie, Toccata oder Fuge zu großen architektonischen Bögen entfalten.
Das festliche Triptyque der Trinitätsmesse steht neben dem verinnerlichten Laetare-Office. Die beiden Pfingstfolgen schließen mit Choral Alléluiatique Nr. 5 und Nr. 1 und zeigen, wie Tournemire aus verwandtem liturgischem Material vollkommen unterschiedliche Spannungsbögen gewinnt.
Die feste Fünfsätzigkeit schafft Orientierung, ohne die einzelnen Offices zu vereinheitlichen. Tournemire reagiert auf Festinhalt, Choralvorlage und liturgische Funktion mit wechselnden Proportionen und Klangcharakteren. Häufig entsteht die stärkste Wirkung aus dem Kontrast: auf eine kaum bewegte Elevation kann eine farbintensive Kommunion folgen, aus einer einstimmig anmutenden Linie kann sich im Schlussstück ein vielstimmiges Geflecht entwickeln. Diese Dramaturgie macht jedes Office zu einer kleinen geistlichen Symphonie.
Sandro R. Müller gestaltet die Musik mit klarer Phrasierung und einem ausgeprägten Sinn für Farbe. An der große Seifert-Weyland-Orgel (1929/1933), Liebfrauenkirche Bottrop-Eigen werden selbst dichte Akkordfelder durchsichtig; Flöten, Streicher und Zungen zeichnen die unterschiedlichen liturgischen Stimmungen nach. Dabei bleibt der Zyklus trotz der Vielfalt der verwendeten Instrumente interpretatorisch geschlossen: Meditation und Ekstase erscheinen als zwei Pole derselben spirituellen Bewegung.
Diese Einspielung ist Teil der über zwei Jahrzehnte entstandenen Cybele-Gesamtausgabe. Sie dokumentiert nicht nur einen der umfangreichsten Orgelzyklen überhaupt, sondern auch Tournemires historische Stellung zwischen César Franck und Olivier Messiaen. Das Album eignet sich deshalb gleichermaßen als eigenständiges Programm und als Kapitel einer musikalischen Reise durch das gesamte Kirchenjahr.
