Charles Tournemire komponierte L’Orgue Mystique zwischen 1927 und 1932 für die lateinische Messe, in der die Schola das Proprium des Tages gregorianisch sang; jedes der 51 Offices besteht aus fünf Orgelstücken, die diesen Gesang vom Introitus bis zum Schluss der Messe begleiten. Pater Laurentius M. Schlieker OSB aus Gerleve beschreibt die Musik im Begleitheft als Gesang ohne Worte: Die oft als Cantus firmus erklingenden Melodien verdanken ihren Sinn dem Text und erhellen seine Bedeutung für den jeweiligen Anlass. Viele dieser Zusammenhänge hat die Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965) aufgelöst, und dieser Band zeigt es besonders deutlich.
Office No. 6 (Le Saint Nom de Jésus), datiert auf den 22. April 1929, gehört zum Cycle de Noël op. 55. Das Fest, im Franziskanerorden entstanden und 1721 für die römische Kirche eingeführt, wurde am Sonntag zwischen Neujahr und Epiphanie gefeiert und galt bis zur Liturgiereform. Die mit „Adagio“ überschriebene Communion hebt sich mit chromatischen, sich stetig umfärbenden Klängen über tiefen Orgelpunkten von den übrigen Sätzen ab. In den Variations verweben sich der Vesperhymnus „Iesu dulcis memoria“ und die Antiphon „Iuvenes et virgines“; das sechs- bis achtstimmige Postludium verklingt im Pianissimo auf einer leeren Quinte. Office No. 12 (Septuagésime) vom 16. November 1929 aus dem Cycle de Pâques op. 56 gilt dem ersten der drei Vorfastensonntage, deren Messformulare im 6. Jahrhundert in einem von Barbareneinfällen bedrohten Rom entstanden; die Reform schaffte die Vorfastenzeit ab. In Clameurs et Choral treten das Melisma des Tractus „De profundis“, in schnellen Läufen und mit Zwischentönen als Rufen aus der Tiefe gestaltet, und der Vesperhymnus „Lucis creator“ im Pedal in einen Dialog.
Office No. 30 (Ve Dimanche après la Pentecôte) vom 10. Januar 1931 aus dem Cycle après la Pentecôte op. 57 kreist um Nächstenliebe und Versöhnung, wie sie das Tagesevangelium aus der Bergpredigt fordert. Die Elévation endet auf einem unaufgelösten Akkord aus den fünf Ganztonleiter-Tönen Ais, C, D, E und Fis; im Alléluia N° 2 wird die Schlusskadenz des Halleluja-Jubilus viermal in warmen Klängen vorgestellt, unterbrochen von toccatenhaften Läufen. Office No. 9 (IIe Dimanche après l’Epiphanie) vom 10. Juni 1929 erzählt von der Hochzeit zu Kana. In der Communion klingt das „Servasti“ des Speisemeisters geradezu schief und betrunken, bevor es in Akkorden „richtig“ wiederholt wird. Die Fantaisie-Paraphrase verbindet drei Antiphonen: „Ego dormivi“ aus der Ostermatutin als Weckruf und Rahmen, „Deficiente vino“, das die Pedaltrompete zitiert, und „Nuptiae factae sunt“.
Die Aufnahmen entstanden im Juli 1996 in der Liebfrauenkirche Bottrop-Eigen, unmittelbar im Anschluss an den fünften Band. Die Orgel, 1929 von Ernst Seifert Söhne erbaut und seit 1933 von der Werkstatt Ernst Weyland betreut, erhielt zwischen 1979 und 1984 neue Schleifladen und hat eine elektrische Spiel- und Registertraktur.
