Die 51 Offices von L’Orgue Mystique sind Orgelmusik für die Messe: Zu jedem Sonn- oder Festtag schrieb Charles Tournemire zwischen 1927 und 1932 ein Prélude à l’Introït, ein Offertoire, eine Elévation, eine Communion und eine Pièce terminale über die gregorianischen Gesänge des Tages. Wie eng der Zyklus mit der Benediktinerabtei Solesmes verbunden ist, zeigt dieser Band: Office No. 23 (L’Ascension) ist Dom Charles Letestu gewidmet, dem Organisten von Solesmes. Die Abtei war seit 1837, vor allem durch ihren ersten Abt Dom Prosper Guéranger, bahnbrechend für die Erneuerung des gregorianischen Chorals, und außer Tournemire ließen sich, so Pater Laurentius M. Schlieker OSB im Begleitheft, mehrere französische Komponisten von ihrer Choralliturgie anregen.
Die beiden Sonntagsoffices aus dem Cycle après la Pentecôte op. 57 entstanden im Frühjahr 1931. Office No. 36 (Xe Dimanche après la Pentecôte), datiert auf den 1. April, folgt dem Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner: In der Elévation bewegen sich die gregorianischen Melodieformeln schließlich nur noch abwärts. Der Choral N°. 1 über das Graduale „Custodi me Domine“ ist ein vierstimmiger Choral mit drei Variationen, deren letzte beide sich zu einem großen Crescendo über dem Orgelpunkt C verbinden. Office No. 37 (XIe Dimanche après la Pentecôte) vom 18. April bezieht sich auf die Heilung des Taubstummen. Die Elévation ist ein kurzer Kanon in hoher Lage, die Communion eine heitere Pastorale, und der Choral N°. 2 über das Alleluja „Exsultate Deo“ lässt auf einen dreistimmigen Choral, der an Dietrich Buxtehude und Johann Sebastian Bach erinnert, einen tänzerischen Satz folgen.
Office No. 20 (Saint Josef) vom 18. April 1930 aus dem Cycle de Pâques op. 56 schrieb Tournemire für ein zusätzliches Josefsfest, das von 1914 bis 1956 am Mittwoch der zweiten Woche nach Ostern gefeiert wurde. Die Communion verdichtet sich zu einer neunstimmigen Klangtraube; das Postlude Choral über die Hymnen „Te Ioseph celebrent“ und „Iste quem laeti“ verbindet Sonatenform und Rondo in einem wellenförmigen Crescendo. In Office No. 23 (L’Ascension) vom 7. November 1928 fällt in allen fünf Sätzen ein Decrescendo auf. Das Offertoire, ein Kanon mehrerer Trompetenstimmen, setzt nach Schlieker eine Orgel voraus, die es nicht gibt, mit allen Manualen und dem Pedal in eigenen Schwellkästen. Die Elévation zieht mit zwei Clusterakkorden wie eine Klangwolke vorüber, und in den Paraphrases sur un choral, einem großen Rondo, kehrt der Hymnus „Salutis humanae sator“ als Refrain wieder.
Aufgenommen wurde dieser Band vom 30. Juni bis 3. Juli 1997 in der Stifts- und Propsteikirche St. Mariä Himmelfahrt in Kleve. Die Orgel baute die Firma Rieger aus Schwarzach 1992 als mechanische Schleifladenorgel mit 45 Registern auf drei Manualen und Pedal. Sandro R. Müller, seit 1980 Organist an der Alten Reformierten Kirche in Wuppertal-Elberfeld, tritt als Organist und Pianist auf und widmet sich zunehmend dem Komponieren.
