Wenn Rolf Riehm für Gitarre schreibt, bedenkt er den vielschichtigen Kontext des Instruments mit, schreibt Hanno Ehrler im Begleitheft. Riehm, 1937 in Saarbrücken geboren und ab 1974 Professor für Komposition und Tonsatz an der Musikhochschule Frankfurt am Main, versteht sich nicht als Komponist im Elfenbeinturm; politische und gesellschaftliche Erfahrungen gehen in seine Musik ein. In den fünf Gitarrenstücken geschieht das schon durch die Wahl des Instruments: Die Gitarre steht für das Protestlied, für die Generation der 68er, für eine ferne mittelalterliche Klangwelt oder, in der „Toccata Orpheus“, für höchste Differenzierung und Kunstfertigkeit.
„KlageTrauerSehnsucht“ (1977) für zwei Gitarren ist Victor Jara gewidmet, dem chilenischen Sänger und Idol der Unidad Popular. In der Partitur zitiert Riehm einen Bericht der „Frankfurter Rundschau“ vom 15. September 1973, nach dem man Jara im Gefängnis die Hände brach, weil er seine Mitgefangenen mit Liedern ermutigt hatte. Ein zweiter Bezugspunkt ist die Volksmusik Südamerikas, etwa die Nebentöne, Geräusche und das Atmen im Spiel von Atahualpa Yupanqui. Die kurzen Phrasen tragen Bezeichnungen wie „verschreckt“, „verstört aggressiv“ oder „elegisch“ und folgen einander in harten Schnitten wie Szenen im Film. Ebenso gebaut ist das „Notturno für die trauerlos Sterbenden“ (1977), Riehms Antwort auf die Beerdigung von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe und auf die Reaktionen, die sie in der Bevölkerung auslöste: ein Stück gegen das Vergessen.
„Lamento di Tristano“ (1982) für zwei Gitarren geht von einer Estampie des 12. Jahrhunderts aus, die im ersten der fünf Teile verziert erklingt, wobei die Gitarrenkorpusse als Trommeln dienen. Riehm nennt die Estampie den Pinsel, mit dem sein Werk gemalt sei; die weiteren Teile handeln von Traum und Alptraum, von einem „dramatischen Erotikon“ aus der Asynchronität der beiden Gitarren, von Tristans Kampf gegen die Liebe und von seinem Tod. In der „Toccata Orpheus“ (1990) für Gitarre solo lotet Riehm die Spieltechnik bis an die Grenze der Spielbarkeit aus; eine eigens entwickelte Notation auf vier Systemen legt auch das Rutschen der linken Hand, das Scheppern der Saiten und gedämpftes Spiel genau fest. „Au bord du jour“ (1996) verlangt, alle Klänge auf die „kraftzehrendste“ Weise anzureißen; Motive brechen ab, Täuschungsmanöver wechseln mit „richtigen“ Abschnitten, bis der Hörer nicht mehr weiß, wo im Stück er sich befindet.
Susanne Hilker und Harald Lillmeyer, beide 1959 geboren, studierten gemeinsam zeitgenössische Kammermusik an der Folkwang Hochschule in Essen und legten 1988 ihr Examen mit Auszeichnung ab. Ab 1989 arbeiteten sie mit Rolf Riehm zusammen, 1990 gingen sie mit ihm für das Goethe-Institut auf Südamerika-Tournee. Die Werke für zwei Gitarren spielen sie im Duo; das „Notturno“ spielt Harald Lillmeyer, die „Toccata Orpheus“ Susanne Hilker. Die Aufnahmen entstanden 1995 und 1996 als Produktionen des WDR im Kleinen Sendesaal des Kölner Funkhauses, Produzent war Harry Vogt; 1999 erschienen sie bei Cybele.
