Der Essay des Begleithefts trägt den Titel Streifzüge und stellt ihm einen Satz von Clément Rosset voran: Die Person der Herzogin von Guermantes sei weit weniger interessant als ihr klangvoller Name. Musik brauche feste Orientierungspunkte, heißt es dort, und doch würden diese umso unschärfer, je genauer man sie zu bestimmen versuche. Von dieser Beobachtung führt der Weg zum Exotismus des frühen 18. Jahrhunderts — zur Wertschätzung fremder Dinge außerhalb ihres ursprünglichen Zusammenhangs, die damals zur treibenden Kraft des europäischen Musiklebens wurde.
Italien, genauer Venedig, war in diesen Jahren die schöpferische Mitte Europas, mit seinen Opern, Sinfonien, Ballettaufführungen, Frauenorchestern und Konzerten für Virtuosen. Jedes Land verarbeitete das auf seine Weise: Frankreich führte regelrechte Streitgespräche und sprach von der Wiedervereinigung der Stilrichtungen, England sah den Fremden vergnügt beim Streiten zu, und Deutschland erfand pragmatisch den gemischten Stil — italienische Elemente, französisch aufgeführt, mit deutscher Technik. Italienische Musiker standen an allen Höfen hoch im Kurs: Mascitti in Paris, Matteis in London, Dall’Abaco in München, Scarlatti in Madrid, Locatelli in Amsterdam. Selbst Vivaldi schrieb sechs Konzerte für Querflöte mit den Titeln La Francia, L’Ingilterra, L’Olanda, La Germania, La Spagna und L’Italia, die sämtlich verschollen sind.
Von Domenico Maria Dreyer und Louis Détry ist wenig überliefert; beide wirkten im 17. und 18. Jahrhundert, und ihre Musik muss für sie sprechen. Von Dreyer stehen hier vier Sonaten: die Sonata in C-Dur für Blockflöte und Basso continuo, die mit Allegro, Largo und Giga knapp und tänzerisch bleibt, sowie drei Sonaten für Oboe — die Sonata Sesta in a-Moll mit ihrer Siciliana, die Sonata Quinta in g-Moll, die mit einem Largo e cantabile beginnt, und die Sonata Seconda in C-Dur, deren Adagio mit über drei Minuten der ausgedehnteste langsame Satz des Albums ist. Von Détry erklingt die Sonata in c-Moll für Blockflöte, viersätzig nach der Folge langsam–schnell–langsam–schnell.
Vivaldis Triosonate in a-Moll für Blockflöte, Fagott und Basso continuo beschließt das Programm. Hier treten die beiden Blasinstrumente als gleichberechtigte Partner auf, und das Fagott verlässt die Rolle der Bassstütze, die es in den übrigen Stücken innehat. Renata Duarte wechselt im Lauf des Albums zwischen Blockflöte und Barockoboe; Aline Zylberajch am Cembalo, Annabelle Luis am Violoncello und Ricardo Rapoport am Fagott bilden das Continuo in wechselnder Zusammensetzung.
Aufgenommen wurde vom 5. bis 8. Februar 2019 in der Immanuelskirche Wuppertal, in Stereo, 5.1 Surround und 3D-Binaural-Stereo. Das Begleitheft von 48 Seiten erscheint dreisprachig auf Deutsch, Englisch und Französisch; das Umschlagbild ist ein Ölgemälde auf Holz von Edwaert Collier aus dem Jahr 1662.
