Die Sieben Stationen eines Textes von 1963 lehnen sich an den Bericht des Propheten Jeremia im 36. Kapitel an: Ein Text, den er im Gefängnis diktierte, durchläuft dort verschiedene Zustände. Auf das improvisatorisch entworfene „Wort“ folgt das „Diktat“ als dreistimmiger Varianten-Kanon — Reden des Herrn, Mund des Jeremia, Schreiben des Baruch. Die „Lesung im Tempel“ ruht auf einem Pedal-Cantus-firmus, der in der Augmentation immer langsamer und gewichtiger wird; der „mündliche Bericht“ hat die ungebundenste Form und trug den Arbeitstitel Etüde; in der „Lesung in der Kanzlei“ verkleinert sich dieselbe Pedalmelodie zur Diminution. In der „Lesung vor dem König“, der das Buch mit einem Schreibmesser zerschnitt und ins Feuer warf, verschlingen Interruptionen des vollen Hauptwerks nach und nach die Pedalmelodie, und das „erneute Diktat“ nimmt den zweiten Satz wieder auf und erweitert das Ende durch Echos, Pausen und eine mächtige letzte Phrase. Zacher ging es nicht um die Schilderung der Ereignisse, sondern um die Verwandlungen, die an einem Text geschehen; die Einheit des Textes liegt musikalisch in der Zwölftonreihe.
Szmaty von 1968 ist Isang Yun gewidmet. Er hatte für Zacher seine erste grafische Komposition Tuyaux sonores erfunden, wurde aber kurz vor der Uraufführung unter falscher Anklage der Spionage aus der Bundesrepublik nach Südkorea entführt; um seine Freilassung zu erwirken, spielte Zacher in jener Zeit häufig öffentlich Tuyaux sonores oder das ihm gewidmete Szmaty. Der Titel ist das polnische Wort für Fetzen und bezieht sich auf den Psalmvers „Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und über mein Gewand das Los geworfen“. Die polnischen Laute stehen für Klangeigenschaften der Orgel: SZ für Rauschen, M für Summen, A für Schallen, T für Spucken — das Geräusch der Ansprache mancher Pfeifen, besonders deutlich in der Staccato-Partie gegen Ende — und Y für Verklingen in der allerhöchsten Lage, die traditionell fast nie isoliert verwendet wird.
Vocalise von 1971 ist eine Studie für den Schwelltritt: Über einem liegenden Akkord werden die Jalousietüren nach exakt notiertem Rhythmus bedient, sodass Öffnen und Schließen immer verschieden lang dauern. Scharfe rhythmische Zeitpunkte sind nicht wahrnehmbar, weil alles im Übergang bleibt; dabei entfalten sich die Formantbereiche der Vokale, A bei geöffnetem, U oder M bei geschlossenem Schweller. Der ruhende Akkord besteht aus zwei ineinander verschränkten Glockengeläuten, und über dieser Wellenbewegung spielen sich Melodien aus den restlichen sechs Tönen ab, die manchmal wie hebräische Gesänge klingen.
Der Titel Diferencias von 1961 ist alten spanischen Variationenzyklen entlehnt; das Stück setzt sich mit den Konsequenzen des Variationsbegriffs auseinander. Ein Thema gibt es nicht — die Variationen durchdringen einander und schaffen immer neue Gestalten. Die zehn Sätze gliedern sich nach fünf charakteristischen Tempi, deren Reihenfolge sich auf mehrere Arten deuten lässt. In den Tranquillo-Sätzen erfand Zacher die Prozedur der „intervalles-durées“, in der jedes Intervall eine eigene fixierte Dauer erhält: Olivier Messiaen hatte zuvor die „sons-durées“ erfunden, bei denen jeder Ton seine Dauer bekommt, doch Zacher wollte das Übergewicht des jeweils längsten Tons vermeiden. Messiaen gratulierte ihm 1961 zu diesem Opus.
An John Cages Variations I gelang Zacher 1966 die Erfindung des variablen Tastendrucks. Cages Partitur besteht aus einem Blatt mit etwa vierzig verstreuten Punkten, über die fünf weitere Blätter mit je einer Linie geworfen werden; die Linien bestimmen, was die Punkte bedeuten — Zeitpunkt, Tonhöhe, Lautstärke. Da es sich um eine Komposition mit chance operations handelt, fand Zacher es folgerichtig, den Zufall auch in die Interpretation eingreifen zu lassen: Er entwickelte eine Skala vom normalen Anschlag über das Lockerlassen, bei dem sich die Tonhöhe trübt und Teiltöne auftreten, bis zum allervorsichtigsten Niederdrücken, bei dem kaum ein Hauch zu hören ist — eine riskante Technik, die auf halb geöffneten Ventilen balanciert. Cage war begeistert, weil kein Detail mehr vorausberechenbar war: Die Interpretation selbst wurde zur chance operation. Ré von 1969 schließlich entfaltet die Eigenschaften des Tons D über einem Orgelpunkt: Der Intonateur Ingo Vinck verändert mit Papier und Karton am Labium einer großen Lippenpfeife deren Ansprache, während in einer tiefen Zungenpfeife ein Krummhorn hinauf- und hinabgestimmt wird. Aufgenommen wurde vom 4. bis 6. Oktober 2004; die Einspielung erhielt im Oktober 2005 den Diapason d’Or.
