Willem Tanke, geboren 1959, war von 1989 bis 2003 Organist an der Saint Willibrorduskerk in Berkel-Enschot. Dort und in Kirchen, in denen er konzertiert hatte, entstanden zwischen 1996 und 2001 zwei Serien von Orgelstücken, Imaginary Day und Meditations. Die einzelnen Stücke gehen, wie er im Begleitheft beschreibt, von einer „Invention“ aus, einem brauchbaren Einfall aus der Improvisation; eine zweite Invention kann als Kontrast hinzutreten. Aus dem wiederholten Spiel nach den Skizzen kristallisiert sich allmählich die Komposition heraus — ein Vorgang, der Wochen oder Jahre dauern kann und am Ende ganz auskomponierte Stücke ebenso zulässt wie solche mit offenen Abschnitten. Nur For a Child und Bagpipes waren von vornherein durchkomponiert.
Schwierig war, aus diesen Stücken eine zusammenhängende Collage zu bauen — nicht nur wegen der Verschiedenheit der Orgeln, sondern auch wegen der Unterschiede in Charakter, Tonalität, Struktur und Farbe, die die jeweilige Registrierung mit sich brachte. Der Morgen beginnt mit Call of the Trumpet über einem Orgelpunkt, dessen Tasten zwei Gewichte niederhalten, so dass beide Hände für Melodie und Begleitfiguren frei bleiben. In The Mixolydian Mode – Part One stößt die Vox humana eigenartige Freuden- und Angstschreie aus; wie viel dabei improvisiert wird, zeigt der Vergleich mit der Nachmittagsfassung Part Two. Im Pièce en trio I laufen drei chromatisch aufeinander bezogene tonale Zentren übereinander, C im Bass, H im Sopran, Cis in der Mittelstimme; die weite Lage der Stimmen und die Akustik der Kirche lassen den Satz dennoch konsonant erscheinen.
Der Nachmittag öffnet sich außereuropäischem Material: Yehowah Kpo Kpo aus Ghana und Anyi Bialale aus Kamerun lernte Tanke zwischen 1998 und 2000 im Zusammenspiel mit afrikanischen Musikern kennen; die Erfahrung habe, schreibt er, seine europäischen Vorstellungen von Effizienz und professionellem Gebaren gründlich in Frage gestellt. The First Psalm entstand für eine Performance des Schauspielers Henk van Ulsen, ebenso Breakwave, das in dessen „Hiob“ einen Sturm und die Stille davor und danach illustrierte. Jeux de fonds, Carillon and Bicycle Horn knüpft an die französische Praxis des 17. und 18. Jahrhunderts an, Orgelstücke nach ihrer Registrierung zu benennen: Die Fahrradhupe gibt eine große Sekunde, die dem As und dem B der Nijmegener Orgel entspricht, weshalb das Stück in f-Moll steht.
In den Fantasien 11, 12, 16, 17 und 20 spielt Tanke mit der jeweils freien Hand Perkussion: eine afrikanische Trommel, die als Gosoeah bezeichnete ghanaische Glocke am Stock, Indian Bells, Weinflaschen, Kupfer- und Blechkannen, die er nach ihrem Klang im großen Kirchenraum ausgesucht hat. Für Come and Dream wurde von mehreren Aufnahmen bewusst die gewählt, in der Glocken und Kinderstimmen von draußen hereinklingen. Aufgenommen wurde an vier Instrumenten: an der Chataîgne-Orgel von 1782 in Vouziers, der König-Orgel von 1773–1776 in der Stevenskerk Nijmegen, der Bätz-Orgel von 1831 in der Domkerk Utrecht und der Loret-Orgel von 1880 in Berkel-Enschot. Tanke studierte Orgel bei Jan Welmers, Musiktheorie bei Joep Straesser und elektronische Musik bei Ton Bruynel am Konservatorium Utrecht, lehrte dort von 1988 bis 2000 und ist Professor für „The Art of Doing Nothing“ am Rotterdamer Konservatorium.
