Diangelo Cicilia, 1971 auf Curaçao geboren, studierte Gitarre am Konservatorium in Rotterdam und am Königlichen Konservatorium in Den Haag, wo er cum laude und mit einer besonderen Auszeichnung für seinen Einsatz für die zeitgenössische Musik abschloss; danach studierte er bei Eliot Fisk am New England Conservatory in Boston. Schon im Studium suchte er nach Kompositionen, die die Möglichkeiten seines Instruments erforschen und erweitern. Die fünf Stücke dieser SACD sind Früchte seiner Initiative und der engen Zusammenarbeit mit Jo Sporck, Frank Crijns, Florian Magnus Maier und Paul Goodman, die – teils keine gebürtigen Niederländer – alle eng mit dem Musikleben der Niederlande verbunden sind. Alle fünf Werke sind Cicilia gewidmet.
Jo Sporck, 1953 in Heerlen geboren, schrieb „The sandman“ (2000) nach der gleichnamigen Videoinstallation des kanadischen Künstlers Stan Douglas von 1995, in der gegen Ende zwei Videos zu einem verschmelzen. Eine zweite, zuvor aufgenommene Gitarre erklingt aus Lautsprechern hinter dem Publikum – auf der SACD-Schicht tatsächlich von hinten. Der Live-Gitarrist antwortet auf diese Schattensequenz mit Capriccios und Paraphrasen, aus denen eine Kadenz wächst, bis beide Ebenen, begleitet von Geräuschen echten Sandes, zu einer Einheit finden. Der 1960 geborene Frank Crijns nennt die acht Sätze seines „Raam # 2“ (1999) „(Tag)Träumereien“; Spieltechniken der Streichinstrumente und die auf Cis heruntergestimmte tiefe E-Saite dienen einem möglichst transparenten Klangbild.
Florian Magnus Maier, 1973 in München geboren, selbst Gitarrist und in Rotterdam ausgebildet, zeichnet in „Crystal Vermin“ (1999) für verstärkte Gitarre die langsame unterirdische Verwandlung toter Organismen in kristallisierte Formen nach, mit vielen neuen, sehr komplizierten Spieltechniken. Seine „Toccata“ (2002) für verstärkte Gitarre und Stereo-Delay klingt wie ein Ensemblestück: Genau berechnete Verzögerungen erzeugen die Illusion von drei Gitarren, die in fünf Sätzen einen Kanon im Abstand von je einer Sekunde spielen. In der Surroundfassung klingt die Live-Gitarre vorn, die beiden verzögerten Stimmen leiser hinten links und hinten rechts, sodass das Stück wie ein Karussell durch den Raum kreist. Paul Goodman, 1955 in Vancouver geboren, studierte am Institut für Sonologie in Utrecht; sein „Call“ (2004) besteht aus vier Sektionen, die jeweils mit einem gehaltenen g’’ beginnen und enden und beliebig oft ohne Pause wiederholt werden – der Interpret wird so zum Mitkomponisten.
Luciano Berio schrieb zwischen 1958 und 2002 vierzehn Solostücke mit dem Titel Sequenza. Die „Sequenza XI“ entstand 1987/88 für Eliot Fisk, der sie am 20. April 1988 uraufführte. Sie ist ein Kompendium gitarristischer Spieltechniken, vor allem aus der spanischen Gitarrenmusik, bis hin zu Bartok-Pizzicati und einer Gelegenheit zum Nachstimmen mitten im Stück. Die Aufnahmen entstanden im September 2004 in der Dorpskerk in Rhoon; den Begleittext schrieb Stefan Fricke.
