Auf Anregung seines damaligen Chefdirigenten Hans Zender bat der Saarländische Rundfunk mehrere Komponisten, Musik aus der Zeit vor Monteverdi in den Konzertsaal zu holen. Riehm wollte zunächst ein „musikalisches Soziogramm“ entwerfen, das die offizielle Musik von Kirche und Hof mit der der fahrenden Spielleute konfrontiert, doch deren Musik ist nie aufgeschrieben worden. Bei Willi Apel fand er Stücke aus der Zeit um 1380, von Komponisten zwischen Guillaume de Machaut und Guillaume Dufay, die für den Hof der Gegenpäpste in Avignon und ähnliche Höfe einen verfeinerten, „manieristischen“ Stil pflegten. Für „He, très doulz roussignol joly“ wählte er fünf Stücke von Matheus de Perusio, Borlet, Grimace, Johannes Ciconia und einem Anonymus.
Riehm hält sich strikt an die Originale, fügt außer Trillern und Umspielungen keine Töne hinzu und greift kaum in die Polyphonie ein. Statt von Instrumentation spricht er von „instrumentaler Inszenierung“: Die Dramaturgie folgt dem Bild einer höfischen Soirée, in der sich die „Lemuren von Avignon“ ein spätes Stelldichein geben. In der dreistimmigen Ballade „Ung lion say“ erklingen kleine Abschnitte der Stimmen in Charakteren nach Art der Cembalomusik Couperins, kapriziös, kühl oder ungeschlacht; im Virelai „Alarme, alarme“ belebt eine Kuckucksrufphrase zunächst Tempo und Besetzung, bis die Musik schwerfällig am Boden bleibt.
„Schubert Teilelager“ (1989) für Streichorchester greift, so Frank Hilberg im Begleitheft, zu dekonstruktivistischen Verfahren. Riehm entnimmt der Klavierbegleitung von Franz Schuberts Lied „Der blinde Knabe“ D 833 einige Figuren und montiert sie neu; die Melodie fällt weg, die Begleitung wird zum Thema, und durch Schichtung, Überblendung und gestaffelte Dynamik entsteht ein Wechselspiel von Nähe und Ferne. Romantisches Gefühl, schreibt Riehm, lasse sich heute nur noch als Erzählung verschlissener Hoffnungen erfahren, in der „zynischen bundesrepublikanischen Gegenwart“ und nicht im Wien Metternichs.
„Leonce und und …“, seine erste Orchesterkomposition überhaupt, schrieb Riehm 1966 als Szene einer nie vollendeten Oper nach Georg Büchners „Leonce und Lena“: Leonce gerät im nächtlichen Garten beim Anblick Lenas in eine delirierende Spirale, bis Valerio ihn auf den Boden der Tatsachen zurückholt, verkörpert von Bachs fünfstimmiger Fuge in b-Moll aus dem ersten Teil des Wohltemperierten Klaviers. Für einen Auftrag des Saarländischen Rundfunks stellte Riehm 1999 eine neue Paraphrase über das zugehörige Präludium voran, „Garten. Nacht und Mondschein“ nach Büchners Regieanweisung, in der sich die Bühne aus einem Rahmen zusammengedrückter Melodieteile allmählich zu Bachs Perspektive füllt. Den Titel gibt ein Satz Leonces: „Die Erde ist eine Schale von dunkelm Gold“.
Riehm studierte Komposition bei Wolfgang Fortner und lehrte von 1974 bis 2000 an der Musikhochschule Frankfurt am Main. Die Aufnahmen stammen aus dem Rundfunk: „He, très doulz roussignol joly“ spielte das Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken unter Hans Zender 1979 in Saarbrücken ein, „Schubert Teilelager“ das Ensemble Oriol unter Sebastian Gottschick 1990 in einer Produktion des WDR. Die Bach-Paraphrasen mit Ksenija Lukic (Sopran), Christoph Späth (Tenor), Yaron Windmüller (Bariton) und dem Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken unter Oswald Sallaberger wurden 1999 im Großen Sendesaal des Saarländischen Rundfunks live mitgeschnitten.
