Nur wenige Komponisten der Nachkriegsavantgarde, so Stefan Fricke im Begleitheft, suchten den Weg in die Kirche, und etliche scheiterten an deren musikalischen Vorstellungen; eine der Ausnahmen ist „Magnum Mysterium“. Religiöse Sujets waren für Becker, der von 1956 bis 1968 in Griechenland lebte, damals nicht neu: „Meteoron“ (1969) für elektronisch verarbeitete Klänge, Orgel und Schlagzeug beruht auf Pfingstgesängen der griechischen Orthodoxie, „Apeiron“ (1972) für zehn Chorgruppen, live-elektronisches Ensemble und Tonband auf Fragmenten aus sehr unterschiedlichen Religionen und „Epiklesis Alpha“ (1976) auf liturgischen Vokalisen des orthodoxen Protopsaltis Lykourgos Angelopoulos.
Den Auftrag der Evangelischen Kirche im Rheinland erhielt Becker 1978. Er fragte sich, wie er sich als Komponist seiner Zeit dem Thema Auferstehung nähern könne, und berücksichtigte, dass neben Berufsmusikern ein Kirchenchor aus Laien mitwirken würde. So entstand ein dreiteiliges Werk, dessen Teile auch einzeln aufgeführt werden können, für Sprecher, gemischten Chor, zwölf Favoritstimmen, die auch Glocken bedienen, Orgel, Holz- und Blechbläser, Schlagzeug und Tonband. Teil I beruht auf dem 28. Kapitel des Matthäusevangeliums in Luthers Übersetzung: Der Sprecher trägt den Bericht vor, Chor und Favoritstimmen singen Kollektengebete zu Karfreitag, Ostersonntag und Ostermontag, kurze elektronische Einblendungen überhöhen einzelne Textstellen. Teil II stellt dem 15. Kapitel des ersten Korintherbriefs Stellen aus dem Johannesevangelium und dem ersten Petrusbrief gegenüber. Am Ende beider Teile steht ein Choral, „Jesus Christus, unser Heiland“ und „Wir danken dir, Herr Jesu Christ“, in den alle Anwesenden einstimmen.
Im dritten Teil bezieht Becker im Sinne des ökumenischen Gedankens gregorianische Gesänge aus dem Proprium der Messe ein, etwa das Graduale „Haec dies“, die vom Tonband erklingen und elektronisch verwandelt werden; er zitiert Wipos von Burgund Ostersequenz „Victimae paschali laudes“ in der ersten mehrstimmigen Fassung aus dem Codex Las Huelgas und verwendet, ebenfalls elektronisch umgewandelt, Gesänge und Gebete der Ostkirche in neobyzantinischer und griechisch-orthodoxer Überlieferung, die sich alle auf die „Anastasis“, die Auferstehung, beziehen. Einen Auszug aus dem jüdischen Schacharith-Gebet trägt der Sprecher ohne Begleitung und ohne elektronische Bearbeitung vor. Das Geläut der Metallidiophone am Anfang und am Ende erinnert an griechisch-orthodoxe Osterriten, die Becker selbst erlebt hat; das Werk schließt mit dem gemeinsam gesungenen Choral „Christ ist erstanden“.
Die Aufnahme ist der vom WDR produzierte Mitschnitt der Uraufführung am 4. Mai 1980 in der Johanneskirche Düsseldorf. Oskar Gottlieb Blarr leitete den Chor der Neanderkirche Düsseldorf, einen Favoritchor aus zwölf Sängerinnen und Sängern und ein Ensemble aus Bläsern und Schlagzeugern; Sprecher ist Henrik Koy, an der Orgel spielt Nancy Poland. Blarr nannte das Werk 1984, zu Beckers 60. Geburtstag, den „gewichtigsten Beitrag zum Thema Ostern/Auferstehung innerhalb der deutschen Musik der Gegenwart“.
