Es gibt immer Musik in mir — der Satz von Jacqueline Fontyn steht über diesem Band. Die Grande Dame der belgischen Komponisten hat sich nie einem Dogma unterworfen und wollte ihr Schaffen so frei wie möglich von Lehrmeinungen halten. Nach den Regeln des Serialismus hat sie nie gearbeitet: Mir war das alles zu intellektuell, resümiert sie. Im Gespräch erzählt sie von ihren Tagesabläufen, vom schöpferischen Prozess — ich bleibe der Boss — und davon, dass die Natur sie immer inspiriert habe.
Die vier Konzerte umspannen mehr als drei Jahrzehnte. Rêverie & Turbulence für Violine und Orchester von 1975 stellt einem Tranquillo ein Vivo gegenüber. Colinda für Violoncello und Orchester entstand 1991, das Doppelkonzert Es ist ein Ozean… für Flöte, Cembalo und Streicher im Jahr 2000 mit Praeludium, Passacaglia und Réjouissance. Capricorne für zwei Schlagzeuger und Kammerorchester beschäftigte die Komponistin von 2003 bis 2009.
Die Aufnahmen entstanden 2010 und 2011 in der Athanasiuskirche Hannover mit dem Göttinger Symphonieorchester unter Christoph-Mathias Mueller. Mit dem Orchester kann man alles erreichen, sagt Fontyn im Gespräch, das Mirjam Wiesemann am 10. August 2010 in ihrem Haus in Limelette aufnahm.
Die dritte SACD gehört dem Geiger und Pianisten Kolja Lessing, der das Violinkonzert spielt; Mirjam Wiesemann sprach mit ihm am 20. Januar 2012 in seinem Haus in Würzburg. Die Edition entstand mit freundlicher Unterstützung der Belfius Bank und des Ministère de la Communauté française.
Jacqueline Fontyn wurde 1930 in Antwerpen geboren. Kurz nach ihrem fünften Geburtstag erhielt sie täglich Klavierunterricht bei dem russischen Musikpädagogen Ignace Bolotine, der sie ermutigte, ihre Improvisationen weiterzuentwickeln; mit fünfzehn beschloss sie, Komponistin zu werden. Musiktheorie, Instrumentierung und Komposition studierte sie bei Marcel Quinet in Brüssel und setzte ihre Ausbildung in Paris bei Max Deutsch fort, einem begeisterten Schüler Arnold Schönbergs; 1956 besuchte sie die Dirigierklasse von Hans Swarowsky in Wien. Von 1963 bis 1970 war sie Professorin für Musiktheorie am Konservatorium Antwerpen, von 1970 bis 1990 lehrte sie Komposition am Königlichen Konservatorium in Brüssel. Ihr Werkverzeichnis umfasst mehr als 120 Kompositionen.
Wie nah ihre Musik an Erlebtem bleibt, zeigt Colinda. Als Fontyn sich an die Arbeit machen wollte, erfuhr sie vom Tod ihres 29-jährigen rumänischen Freundes Petre Papurica: Am Abend des 24. Dezember 1989, während der Revolution in Bukarest, wurde er an seinem Fenster im ersten Stock von einer Kugel tödlich getroffen. Sie widmete ihm das Konzert als Huldigung an seinen moralischen Mut und seine Spiritualität und wählte als Ausgangsmaterial eine Colinda, ein rumänisches Weihnachtslied aus der von Béla Bartok gesammelten Sammlung.
